Landesarchiv Speyer Der kalte Hauch der Gestapo: Geschichte lernen mit Originalquellen

Von Anke Sprenger

Geschichtsunterricht am Beispiel von Originalquellen: Am Landesarchiv in Speyer haben Schülerinnen des Edith-Stein-Gymnasiums in Gestapo-Akten gelesen und sind dabei Opfern und Tätern sehr nahe gekommen. Eine unmittelbare Begegnung mit den Schrecken des Nationalsozialismus.

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Schülerinnen lesen Akten der Gestapo

Im lichtdurchfluteten Seminarraum des Archivs sitzen sieben Schülerinnen des Geschichtsleistungskurses vom Edith-Stein-Gymnasium in Speyer mit ihrer Lehrerin Sara Kröper.

Sie lesen Akten, die in der Zeit zwischen 1933 und 1945 von der Gestapo angelegt worden sind. Einzelfallakten zu Personen, die von der Gestapo überwacht, verfolgt und festgenommen worden sind. Jeweils zwei Schülerinnen bearbeiten eine Personal-Akte. Sie lesen Polizei-Protokolle, entziffern Briefe, sichten Fotos.

Quellenstudium in Speyer - Original-Gestapo-Akten im Landesarchiv Speyer (Foto: SWR, SWR - Foto: Anke Sprenger)
Dr. Franz Maier vom Landesarchiv in Speyer (rechts) diskutiert mit Schülerinnen des Edith-Stein-Gymnasiums und ihrer Lehrerin Sara Kröper (2.v.r.) über die archivierten Gestapo-Akten. SWR - Foto: Anke Sprenger

Die meisten Akten hat die Gestapo „rechtzeitig“ vernichtet

Archivar Franz Maier vom Landesarchiv in Speyer bittet um vorsichtigen Umgang mit den Originalquellen und gibt eine kurze Einführung in die Bedeutung der Gestapo-Akten.

„In den meisten Archiven“, so Maier, „sind solche Akten nicht mehr vorhanden, weil es die Gestapo zu Kriegsende 1945 in aller Regel geschafft hat, diese Akten noch rechtzeitig zu vernichten.“

Verfahren gegen die Opfer: Beweise oder Willkür?

Nach über einer Stunde intensiven Quellenstudiums kommen die Schülerinnen zu einer Feedbackrunde am Tisch zusammen und erzählen, was ihnen bei der Lektüre aufgefallen ist.

Quellenstudium in Speyer - Original-Gestapo-Akten im Landesarchiv Speyer (Foto: SWR, SWR - Foto: Anke Sprenger)
Gestapo-Akten aus dem Speyrer Landesarchiv. SWR - Foto: Anke Sprenger

Anhand der Originale lernen sie zu differenzieren zwischen Beweisen und Hinweisen von Denunzianten, gewinnen Einblicke in die polizeiliche Willkür der Gestapo bei der Inhaftierung.

Erpresste Geständnisse und mutige Familienangehörige

Kommt es in den Akten zu einem plötzlichen Gesinnungswandel des Angeklagten, werden die Schülerinnen hellhörig. Sie vermuten Gewaltanwendung bei den Schutzhäftlingen zur Erpressung von Geständnissen.

Auch wird deutlich, wie schwierig es ist, sich für jemanden einzusetzen. Lehrerin Sara Kröper nach dem Studium ihrer Akte: „Berührend fanden wir, dass sich in einem Fall die Schwester des Inhaftierten immer wieder für ihn stark macht und dann auch überprüft wird. Das heißt, sie hat sich tatsächlich in Gefahr begeben.“

Quellenstudium in Speyer - Original-Gestapo-Akten im Landesarchiv Speyer (Foto: SWR, SWR - Foto: Anke Sprenger)
Johanna und Anna vom Edith-Stein-Gymnasium in Speyer beim Quellenstudium der Gestapo-Akten. SWR - Foto: Anke Sprenger

Tod im KZ Dachau „wegen einer Bronchitis“

Skeptisch werden die Schülerinnen Selma und Johanna auch bei offiziellen Angaben zur Todesursache in ihrer Akte: „Der Mann soll 1940 im KZ Dachau gestorben sein aufgrund von einer Bronchitis, die bereits im Ersten Weltkrieg entstanden, vorher noch nie erwähnt worden ist. Zugleich steht im ärztlichen Bericht, dass er total abgemagert und eigentlich nicht mehr lebensfähig war. Das lag wahrscheinlich also nicht an der Bronchitis.“

Bei der Auseinandersetzung mit dem historischen Quellenmaterial lernen die Schülerinnen die Mechanismen der bürokratischen Prozesse kennen.

Beschäftigung mit NS-Geschichte, die Empathie weckt

Beim Studieren der Akten sind sie sichtlich berührt, beginnen, sich mit der Person aus ihren Akten zu identifizieren. Auch der lokale Bezug zu Orten in den Akten schafft eine Verbindung.

Geschichtslehrerin Sara Kröper erkennt in diesem Angebot des Landesarchivs Speyer einen wichtigen Baustein im Geschichtsverständnis: „Es macht eben einen Unterschied, ob sich Schüler mit aufbereiteten Quellen beschäftigen oder sich eine Person genauer anschauen. Die Wirkung ist eine andere, weil sie Empathie weckt.“

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