Gesellschaft

Kollosseum in Gefahr: Warum der Klimawandel Italiens Kulturschätze bedroht

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AUTOR/IN
Thomas Migge

Italiens Kulturministerium steht vor einer Herkulesaufgabe. Die monatelange Trockenheit in Italien hat dramatische Auswirkungen auf die Bausubstanz der vielen Kirchen, Burgen und historischen Monumente. Sintflutartige Regenfälle und Erdrutsche sowie brennende Wälder lassen viele wertvolle Altbauten in Folge des Klimawandels bröckeln. Ein Forschungsinstitut untersucht die Auswirkungen dieses Klimawandels auf historische Monumente und wie Hilfsmaßnahmen aussehen könnten.

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Starker Regen bedroht den Sandstein

San Michele in Pavia wurde im 12. Jahrhundert errichtet. Eine der eindrucksvollsten spätromanischen Kirchen Italiens. Sie überlebte Kriege und Erdbeben. Jetzt bedrohen Temperaturschwankungen das Gotteshaus.

Sie setzen dem Sandstein so heftig zu, dass die Fassade zu bröckeln beginnt. Auch das Kolosseum in Rom droht ein Opfer des Klimawandels zu werden.

„Wir stellen fest, dass die immer stärkeren Regenfälle, von denen Rom betroffen ist, vor allem nach langen Dürreperioden, dem Stein immer besorgniserregender zusetzen. Deshalb muss das Kolosseum ständig kontrolliert werden“, weiß Alessandra Bonazza. Sie leitet in Bologna ein Projekt des ISAC, Institute of Atmospheric Sciences and Climate, des staatlichen Klimaforschungsinstituts, das sich mit den Auswirkungen des Klimawandels auf historische Monumente beschäftigt:

Extreme Wetterphänomene immer häufiger

Alessandra Bonazza und ihr Team stehen vor einer Herkulesaufgabe: Italien ist das Land mit den meisten Kulturgütern in Europa. Und Italien ist eines jener Länder Südeuropas, die am stärksten von den Folgen des Klimawandels betroffen sind. „Extreme Wetterphänomene haben in Italien enorm zugenommen“, sagt Bonazza.

Nicht immer ist gleich zu erkennen, welchen Gefahren historische Monumente durch die Folgen des Klimawandels ausgesetzt sind. Starkregen, Stürme und Tornados und immer höhere Temperaturen setzten den alten Bauwerken in den meisten Fällen schleichend zu.

Kleinste Veränderungen werden dokumentiert

Bonazza und ihrem Team geht es also vor allem darum, das, wie sie es nennen „ongoing“ zu erfassen. „Ongoing“ werden die langsamen voranschreitenden aber chronischen Auswirkungen des Klimawandels auf alte Bauwerke genannt.

Deshalb werden ausgewählte Altbauten einem ständigen Monitoring unterzogen, um etwa kleinste Risse im Gemäuer zu entdecken oder um herauszufinden, wie sich die immer häufiger auftretenden Starkregen auf Marmor- oder Sandsteinfassaden auswirken.

Für dieses Monitoring werden Sensoren, Fotografien, Satellitenbilder und Gesteinsproben ausgewertet. Alessandra Bonazza: „Da unsere Klimaforscher davon ausgehen, dass die Folgen des Klimawandels in Italien in den nächsten Jahren immer dramatischer werden könnten, erstellen wir auch Zukunftsszenarien.“

Auch Pompeji in Gefahr

Im Kulturministerium und in den Altertümerbehörden hat man den Ernst der Lage erkannt. Immer öfter wird deshalb das Institut von Alessandra Bonazza mit der Untersuchung bedeutender Altbauten beauftragt.

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Wie etwa mit dem antiken Ruinengebiet in Pompeji. Sintflutartige Regenfälle und Temperaturen um die 40 Grad setzen altrömischen Gemäuern mit ihren Wandmalereien sehr zu. Ausgehend von seinen Forschungsarbeiten erarbeitet das Klimainstitut ISAC dann Vorschläge, wie man historische Monumente „klimafest“ machen kann.

Nur das wichtigste wird man retten können

Doch es kann sich nicht um alle kunsthistorisch bedeutenden Altbauten kümmern, die von den Folgen des Klimawandels bedroht sind. Am Ende, so ein Sachverständiger im Kulturministerium, werden nur die wichtigsten Monumente gerettet werden können.

Doch das ISAC arbeitet auch auf eigene Initiative hin. Werden Alessandra Bonazza Hinweise auf bedrohte Bauwerke zugetragen, werden diese auch ohne Auftrag durch das Ministerium oder eine Altertümerbehörde untersucht.

In der Hoffnung, die kulturpolitisch Verantwortlichen davon zu überzeugen, auch Finanzmittel zur Rettung dieser Bauwerke bereitzustellen. Denn der Klimawandel ist nicht aufzuhalten.

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Thomas Migge