Kommentar

Rekord-Austrittszahlen: Die Katholische Kirche vor dem Abrutschen

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AUTOR/IN
Mark Kleber

Knapp 360.000 Menschen sind im vergangenen Jahr aus der katholischen Kirche ausgetreten, so viele wie noch nie zuvor. Damit sind erstmals in Deutschland mehr Menschen nicht in einer Kirche als umgekehrt.

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Vertreter der katholischen Kirche zeigen sich hilfos und erschüttert

Wenn etwas Großes ins Rutschen gerät, dann wird es immer schwerer, dieses Abrutschen aufzuhalten, je später man versucht, abzubremsen. Genau diese Erfahrung macht gerade vor allem die katholische Kirche. „Krise“ - in den kirchlichen Pressemitteilungen zu den neuesten Rekord-Austrittszahlen fällt dieses Wort auffallend oft.

Zahl auf Rekordhoch Katholische Kirche in BW: Mehr als 58.000 Menschen treten aus Kirche aus

Die Zahl der Katholiken in Baden-Württemberg sinkt weiter. In der Diözese Rottenburg-Stuttgart traten rund 28.000 Menschen aus der Kirche aus, im Erzbistum Freiburg mehr als 30.000.  mehr...

SWR1 Baden-Württemberg SWR1 Baden-Württemberg

Der Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Gebhard Fürst, sagt angesichts der neuen Zahlen fast schon hilflos, der Mitgliederverlust tue „einfach sehr, sehr weh“. Und der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Limburger Bischof Georg Bätzing, zeigt sich, so wörtlich, „erschüttert“ und nennt die Zahlen alarmierend. Der Kirche würden inzwischen auch immer mehr Menschen den Rücken kehren, die sich bisher dort engagiert hätten.

Viele haben die Hoffnung in den Wandel der katholischen Kirche verloren

Stimmt. Aber das ist keine neue Analyse. Schon beim Katholikentag in Stuttgart vor wenigen Wochen war die Zahl der Teilnehmenden vergleichsweise niedrig – ein Zeichen dafür, dass selbst die Engagiertesten der Engagierten inzwischen nicht mehr daran glauben, dass die Organisation Kirche zu echten Reformen in der Lage ist.

Als in Speyer vor kurzem Andreas Sturm als Generalvikar hinwarf, tat er es mit der Begründung, er habe die Hoffnung und Zuversicht verloren, dass sich die römisch-katholische Kirche wirklich wandeln könne.

Die Menschen wollen das System der Kirchen nicht mehr finanziell unterstützen

Mit anderen Worten: Es geht um eine Vertrauenskrise. Erste Zwischenergebnisse einer SWR-Datenanalyse belegen das. Für diese Analyse erhielten Menschen, die zum Standesamt gingen, um aus der Kirche auszutreten, die Gelegenheit, in einem Fragebogen ihre Gründe zu nennen.

Aus den Antworten lassen sich Trends ablesen: Es geht den Menschen, die die Kirche verlassen, nicht in erster Linie darum, Kirchensteuer zu sparen. Sondern: Sie wollen ein System nicht mehr finanziell unterstützen, das sie mit Missbrauch und Diskriminierung in Verbindung bringen. Sie wollen die Kirchen also in gewisser Weise finanziell bestrafen.

RLP/BW

Zwischenergebnis von SWR-Datenanalyse Mehrheit der Austretenden will katholische Kirche nicht mehr finanziell unterstützen

Viele, die aus der katholischen Kirche austreten, wollen die Institution vor allem nicht mehr finanziell unterstützen. Das zeigt eine SWR-Datenanalyse zu Kirchenaustritten.  mehr...

Report Mainz Das Erste

Diesen Schritt gehen inzwischen auch die Menschen, die zutiefst religiös sind, die ihren Glauben auch weiter praktizieren wollen – aber eben nicht mehr in einer Kirche, die so weit der Zeit, in der wir leben, hinterherhinkt, dass sie in diesem Tempo niemals in der Gegenwart ankommen. Da hilft auch der Reformprozess „Synodaler Weg“ nichts, der letzten Endes auf den guten Willen der Bischöfe angewiesen ist.

Die Kirche soll konsequent gegen Missbrauchs-Täter vorgehen, fordern viele Ausgetretene

Die schleppende Aufarbeitung des Missbrauchs in der Kirche ist ein weiterer Austrittsgrund. Zu den Forderungen der Ausgetreten an die Kirche gehört laut SWR-Datenanalyse an erster Stelle: Konsequent und transparent gegen Missbrauchs-Täter vorzugehen. 

Da hilft es nichts, wenn die Bischöfe jetzt wieder einmal auf die wichtige Arbeit der kirchlichen Sozialeinrichtungen verweisen. Diese Arbeit unterstützen Menschen im Zweifel lieber mit einer freiwilligen Spende statt mit Kirchensteuer.

SWR2 Glauben Kämpfen oder austreten? Das Dilemma der katholischen Gläubigen

Die Zahl der Kirchenaustritte ist in diesem Jahr deutlich gestiegen. Inzwischen gehen selbst die, die zum Kern der Gemeinde gehören. Was hält die anderen?  mehr...

SWR2 Glauben SWR2

Weniger als die Hälfte der Menschen in Deutschland gehören jetzt einer Kirche an

Und dass jetzt erstmals weniger als die Hälfte der Menschen in Deutschland einer Kirche angehören, ist ein wichtige psychologische Marke, die Kirchen in ihrer gesellschaftlichen Bedeutung noch weiter unter Druck setzt. Je länger man wartet, um etwas so Großes und Schweres wie die katholische Kirche vor dem Abrutschen zu bewahren, desto schwerer wird es.

Die Kirchen sind noch nicht im freien Fall, aber die neuen Zahlen zeigen: Ihr Abrutschen nimmt weiter an Fahrt zu.

Tagesgespräch Eckiger Tisch fordert unabhängige Aufarbeitung von Missbrauch in der katholischen Kirche

Die Opfer von sexuellem Missbrauch durch katholische Kirchenangehörige fordern eine unabhängige Aufarbeitung ihrer Fälle. Der Sprecher des Betroffenenvereins “Eckiger Tisch”, Matthias Katsch, sagt anlässlich des Katholikentags in Stuttgart im SWR Tagesgespräch, es sei eine gemeinsame Anstrengung von Laien und Bischöfen nötig, um aus der Krise herauszukommen: “Der erste und wichtigste Schritt - und ich weiß nicht warum es so schwer fällt, den zu gehen - ist auf die Opfer zuzugehen, denen Hilfe und Entschädigung anzubieten. Es trifft ja keine arme Kirche.” Außerdem sei es wichtig, “die Aufarbeitung in die Hände unabhängiger staatlicher Institutionen zu geben und das nicht immer alles selber machen zu wollen.”  mehr...

SWR2 Aktuell SWR2

Gespräch Synodalversammlung berät über Folgen des Münchner Missbrauchsgutachtens

Missbrauch in der katholischen Kirche zukünftig verhindern – das ist für die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Irme Stetter-Karp, die wichtigste Frage, die auf der anstehenden Tagung in Frankfurt geklärt werden muss. „Ich setze darauf, das eine Mehrheit der deutschen Bischöfe erkannt hat, dass jetzt die Zeit des Handelns gekommen ist“, sagt Stetter-Karp bei SWR2. Dabei gelte es, Strukturen und alte Rollenbilder zu hinterfragen. Konkret liegt der Versammlung ein Text zur Neubewertung von Homosexualität vor. Stetter-Karp ist zuversichtlich, dass der Zustimmung erhalten wird. Bei diesen Fragen gebe es eine Möglichkeit, die Veränderungen national herzustellen – also zur Not auch ohne den Segen aus Rom.
Nach dem neuen Missbrauchsbericht der Erzdiözese München ist die Katholische Kirche in einer höchst kritischen Situation. Wohl auch, weil Joseph Ratzinger höchstpersönlich als ehemaliger Münchner Bischof zu Missbrauchsfällen geschwiegen hat und gerade als späterer Papst eben erheblichen Einfluss auf den Umgang der Kirche mit Missbrauchsfällen hatte. Natürlich ist das auch eines der bestimmenden Themen auf der Synodalversammlung der Katholischen Kirche, die heute in Frankfurt beginnt und auf dem sogenannten „Synodalen Weg“ nun bereits zum dritten Mal über Reformen des kirchlichen Lebens berät.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Tagesgespräch Vertreter von Missbrauchs-Opfern über Benedikt XVI.: "Da ist er aus meiner Sicht Komplize geworden"

Opfer von Missbrauch in der katholischen Kirche sehen durch neue Untersuchungen die Mitverantwortung des zurückgetretenen Papstes Benedikts für einige derartige Fälle als bewiesen an. In einem Gutachten wird ihm vorgeworfen, in seiner Zeit als Erzbischof von München-Freising zugelassen zu haben, dass ein verurteilter Missbrauchstäter dort wieder für die Kirche arbeiten konnte. An dessen folgenden Taten im Bistum trage Benedikt XVI. als früherer Erzbischof Ratzinger eine Mitschuld, kritisierte Matthias Katsch von der Betroffenen-Initiative Eckiger Tisch im SWR Tagesgespräch:
"Diese Opfer, die gehen auf Ratzingers Konto. Da ist er aus meiner Sicht Komplize geworden, denn er hat es in der Hand gehabt. Er hätte entscheiden können: `Nein, der Mann kommt mir nicht mehr in die Seelsorge, der wird aus dem Amt entfernt.`"
Stattdessen habe er dem Mann "den Weg geebnet", warf ihm Katsch vor. "Die Schuld des Josef Ratzinger und seiner Nachfolger ist ganz klar, dass diese Jungen, heute Männer, den Missbrauch nicht hätten erleiden müssen, wenn nicht das Interesse gewesen wäre, das alles geräuschlos verschwinden zu lassen."
Insgesamt soll der 2013 zurückgetretene Papst Benedikt XVI. dem neuen Gutachten zufolge als damaliger Erzbischof in mindestens vier Fällen nichts gegen beschuldigte Kleriker unternommen haben. Am späten Nachmittag drückte der heute 94-Jährige in einer Botschaft über seinen Sprecher - so wörtlich - "Schock und Scham" angesichts des Gutachtens aus.
Katsch sagte im SWR außerdem, als er von den Ergebnissen des Gutachtens gehört habe, sei er "bewegt" gewesen, "weil ich das Gefühl hatte, dass den Anwälten etwas geglückt ist, was selten ist. Nämlich, dass sie einen gewesenen, aber immerhin Papst aus Deutschland bei der Lüge erwischen und so eine ganze Cover-Up-Operation, die über zehn Jahre hinweg versucht hat, seine Verantwortung herunterzuspielen und klein zu halten, auf einmal sich in Luft auflöst."
Um die Vergangenheit in der katholischen Kirche aufzuarbeiten, sei nun ein Blick von außen nötig. Das könne jedoch nur in einer unabhängigen Aufarbeitung geschehen, die von staatlicher Seite garantiert unterstützt und begleitet werde, forderte Katsch.  mehr...

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Gespräch Missbrauchsgutachten belastet Papst Benedikt – Weiterer Sargnagel für Katholische Kirche

Das Gutachten über Missbrauchsfälle im Erzbistum München zeige das Bild einer Kirche, die vor allem an ihrem Ruf nach außen und an der Macht klerikaler Männerbündnisse in ihrem Inneren interessiert sei, sagt Matthias Möhring-Hesse in SWR2, Professor für Theologische Ethik und Sozialethik an der Universität Tübingen. Der Inhalt des Gutachtens könne insofern nicht überraschen. Die Münchner Gutachter waren unter anderem zu dem Ergebnis gekommen, dass allein der emeritierte Papst Benedikt XVI. als früherer Münchner Erzbischof in vier Fällen gegen Missbrauchstäter nicht vorgegangen war.
Die Folgen dieser Erkenntnisse für die Katholische Kirche ließen sich noch nicht absehen, sagt Matthias Möhring-Hesse. Aber aus dem Rückblick werde man eines Tages womöglich sagen müssen, dass das Gutachten „ein weiterer Sargnagel für die Kirche ist, für die Papst Benedikt steht, ein weiterer Schub für den Niedergang dieser Kirche.“
Das Selbstinteresse der Kirchenvertreter sei offensichtlich so groß gewesen, dass darüber Anstand und Recht verloren gegangen seien. Das Gutachten zeige sowohl die individuelle Schuld, die mit Kardinal Ratzinger, Kardinal Friedrich Wetter und Kardinal Reinhard Marx gleich drei Münchner Bischöfe auf sich geladen hätten, zugleich aber auch das langjährige systematische Versagen darin, diese Schuld anzuerkennen.
Institutionellen Druck habe zugleich verursacht, dass Ratzinger später Papst geworden sei. „Umso mehr sollte und darf man schätzen“, so Möhring-Hesse, „dass sich Kardinal Marx diesem Druck auch widersetzt und dieses Gutachten in Auftrag gegeben hat, von dem er doch wusste, dass dabei Kardinal Ratzinger eben auch schlecht aussehen würde.“  mehr...

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Forum Missbrauch und Lüge – Geht Glaube ohne Kirche?

Lukas Meyer-Blankenburg diskutiert mit
Nora Bossong, Schriftstellerin und Mitglied im Zentralkomitee der Deutschen Katholiken, Berlin
Dr. Christiane Florin, Journalistin beim Deutschlandfunk, Köln
Dr. Manfred Lütz, Theologe und Psychiater, Köln  mehr...

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SWR2 Glauben Weiblich, katholisch, unbequem – Was hält Frauen in der Kirche?

Keine Weiheämter, kaum Karrierechancen, verkrustete Strukturen. Die katholische Kirche macht es jungen, kritischen Frauen nicht leicht. Trotzdem halten ihr einige die Treue.
Von Lukas Meyer-Blankenburg  mehr...

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Mark Kleber