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Hinter #allesdichtmachen steht maßgeblich Dietrich Brüggemann, Regisseur und Drehbuchautor, angesehen und gut vernetzt in der deutschen Film- und Fernsehbranche. Mit einigen der „#allesdichtmachen“-Schauspieler*innen hat er Filme gedreht, Richy Müller und Ulrich Tukur spielten Hauptrollen in seinen „Tatort“-Produktionen.

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Dietrich Brüggemann soll die meisten Clips gedreht haben

Brüggemann initiierte die Aktion zusammen mit den Schauspielern Jan Josef Liefers und Volker Bruch. So erzählt es ein Mann, der es wissen muss: Filmproduzent Bernd Wunder, der im Impressum der allesdichtmachen-Website steht. Brüggemann erzählt, er habe Schauspieler*innen zum Mitmachen motiviert und einige ihrer Texte geschrieben. Er soll auch die meisten der Clips gedreht haben.

Soweit so gut — die Aktion formiert sich. Doch Brüggemann macht keinen Hehl daraus, was er über die Corona-Politik denkt. Und das hätte die „Allesdichtmacher“ stutzig machen können, bei allen Sympathien für ihn.

Als „Noisy Nancy“ rief Brüggemann auf, sich die Maskenpflicht „in den Arsch zu stecken“

Unter dem Pseudonym „Noisy Nancy“ hat Brüggemann einen Song geschrieben, der dazu aufruft, sich den Polizeistaat, die Maskenpflicht und die Abstandsregeln wortwörtlich „in den Arsch zu stecken“ — ein Song, der auf „Querdenker“-Demos gelaufen ist, offenbar aber in einer geänderten Fassung, die nicht von Brüggemann stammt.

In seinem eigenen #allesdichtmachen-Filmchen bittet Brüggemann die Regierung um dies hier:

„Macht maximale Maßnahmen, möglichst absurde Ge- und Verbote, möglichst drakonische Strafen, lasst den Polizeistaat aber so richtig von der Leine und fahrt den Karren mit Karacho an die Wand. Nur dann haben wir am Ende spannende Geschichten zu erzählen. Und mal ehrlich, die brauchen wir. Nach 75 friedlichen Jahren sind uns doch in Deutschland die Geschichten längst ausgegangen. Bleiben Sie gesund und machen Sie so weiter.“

Dietrich Brüggemann: Die Gesellschaft in einer Art Kriegszustand

Machen Sie so weiter, heißt: Wir leben schon in einem Polizeistaat mit drakonischen und absurden Maßnahmen. 75 Jahre Frieden liegen hinter uns — jetzt befinden wir uns im Krieg.

Diese These vom Krieg setzt Brüggemann am Freitag auf Twitter wieder in die Welt. Er schreibt: „Jetzt möge mir mal einer erklären, warum unsere ganze Gesellschaft in einer Art Kriegszustand sein muss, in der die gesamte Zivilgesellschaft strammzustehen hat und nichts anderes mehr wichtig ist als der Kampf gegen den einen, maximalen Feind.“

„Corona in unser erprobtes Verhältnis zum Tod einbauen“

Dabei sei der Feind gar nicht so maximal. Brüggemann meint, wir akzeptierten nur die Corona-Toten nicht, alle anderen schon. Gegenüber NTV sagt er: „Wir könnten doch auch den Autoverkehr komplett einstellen, dann haben wir keine Verkehrstoten mehr. Wir könnten alle möglichen drakonischen Maßnahmen treffen, damit niemand mehr Krebs kriegt.“

Welche Botschaft er mit der Videoaktion aussenden wolle? „Dass es uns als Gesellschaft gelingen muss, dass wir auch Corona in unser erprobtes Verhältnis zum Tod einbauen.“ Das heißt also: die Corona-Toten hinnehmen, bitte nicht so übertreiben.

Dietrich Brüggemann: Totalitärer Vernichtungsfuror gegen Virologen Hendrik Streeck

Der Frühling werde es schon richten, kann man auf seinem Twitterprofil lesen. Dort retweetet er eine Aussage, die Karl Lauterbach Propaganda vorwirft. Dem Virologen Hendrik Streeck begegne man in Deutschland mit einem totalitären Vernichtungsfuror, schreibt Brüggemann.

Überhaupt ist da viel Kriegsrhetorik: „Es hat eingeschlagen“, so kommentiert Brüggemann den Shitstorm, den er erwartet hat, nach eigenen Worten. Die Eskalation, die er in seinem #allesdichtmachen-Video fordert, beschwört er selbst herauf.  

Erfolgreiche Provokation

Da kann einen das Gefühl beschleichen, dass da jemand Ärger gesucht und gefunden hat, weil alle über das Stöckchen gesprungen sind.

Die Schauspieler*innen sollte man nicht über einen Kamm scheren: Ihre Filmchen sind extrem unterschiedlich. Manche sind harmlos oder treffen tatsächlich einen wunden Punkt.

Sie hätten allerdings vorher wissen können, was einem der Initiatoren wichtig ist: die Verharmlosung der Pandemie und die Verächtlichmachung derer, die sie ernst nehmen. Sie sind ihm auf den Leim gegangen — oder aber sie sind ähnlicher Auffassung.

Debatte #allesdichtmachen: Die Geschichte hinter der Video-Aktion

„Was ist das für eine Schwurbleraktion?“: Am Morgen des 23. April 2021 wacht die deutsche Medienlandschaft zu einer gemeinsamen Video-Aktion von Schauspieler*innen wie Jan Josef Liefers, Meret Becker, Heike Makatsch und 50 anderen auf, die sich in ziemlich zynischen Videos über angebliche Übertreibungen bei der Corona-Pandemiebekämpfung ergehen.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Kommentar In Zeiten wie diesen ist Sarkasmus schwer zu ertragen: Die Initiative #allesdichtmachen in der Kritik

53 Schauspieler*innen, darunter Josef Liefers, Meret Becker und Heike Makatsch ergehen sich unter dem Hashtag #allesdichtmachen in zynischen Videos über angebliche Übertreibungen bei der Corona-Pandemiebekämpfung. In Zeiten wie diesen ist Sarkasmus schwer zu ertragen, findet Maria Ossowski in ihrem Kommentar.  mehr...

SWR2 Kultur aktuell SWR2

Gespräch Dramatiker Konstantin Küspert: Fassungslos über den Zynismus von #allesdichtmachen

Er sei fassungslos, sagt der Dramatiker und Dramaturg Konstantin Küspert in SWR2 über Videos unter dem Hashtag #allesdichtmachen. Darin äußern sich 52 Schauspieler*innen ironisch zu angeblichen Übertreibungen bei der Corona-Pandemiebekämpfung, darunter Stars wie Jan Josef Liefers, Meret Becker und Volker Bruch.
Er könne nicht verstehen, so Küspert in SWR2, dass „diese Menschen, mit ihrer Prominenz und Reichweite, mit ihrem Vorbildcharakter für viele andere Menschen“ ihren „Zynismus“ auspackten, „weil es ihnen so schlecht geht“.
„Selbstverständlich geht es uns beschissen“, sagt Küspert drastisch, gerade für die Theaterszene und freie Künstlerinnen und Künstler. „Selbstverständlich ist das eine entsetzliche Situation, wo wir auch dringend raus müssen, weil die Leute kein Geld mehr verdienen. Aber das geht nicht, indem wir Corona ignorieren“, so der Dramatiker, der lange am Badischen Staatstheater in Karlsruhe tätig war.
Konstantin Küspert: „Ich will nicht Theater machen um den Preis, dass Leute sterben. Und diese Leute, die die ganzen Videos gemacht haben, sind mutmaßlich ja nun keine Menschen, die unmittelbar existenziell bedroht sind.“
Gerade Tatort-Star Jan Josef Liefers rede Querdenkern das Wort, „indem er sagt, dass die Presse gleichgeschaltet sei, dass es keinen wissenschaftlichen Konsens gebe zu Corona.“ Konstantin Küspert: „Er sagt, dass nur einige wüssten, was gut für uns wäre – und dann wirklich mit dieser unangebrachten, ekelhaften Ironie, eigentlich Zynismus, indem er sich über die Werte anderer Menschen lustig macht.“
Als einzige der beteiligten Schauspielerinnen hat sich Heike Makatsch inzwischen von der Aktion #allesdichtmachen distanziert und ihr Video löschen lassen.  mehr...

SWR2 Journal am Mittag SWR2

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