Rechtschreibrat: Vorerst keine neuen geschlechtergerechten Schreibweisen Immer geht es nur um Männer

Interview am 8.6.2018 mit Anatol Stefanowitsch

Der Rat für deutsche Rechtschreibung plant vorerst keine Regeländerungen für geschlechtergerechtes Schreiben. Der Berliner Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch hatte solche Änderungen im SWR2-Interview befürwortet. Das Verhältnis der Geschlechter werde zwar nicht automatisch besser, wenn man Frauen deutlicher hervorhebe. Ohne Änderungen werde es aber auch nicht besser, prognostiziert der Sprachforscher. Männer blieben dann der sprachliche Normalfall. Frauen würden nur mitgemeint.

Vorläufig keine Regeländerungen

Geht es nun darum, der Sprache das Machotum auszutreiben? Oder toben sich in dieser Debatte die Befürworter einer Gender-Ideologie aus? Der Rat für deutsche Rechtschreibung glaubt vorläufig, das Bewährte werde der Sache am ehesten gerecht: Frauen und Männer gleichermaßen zu erwähnen, in weiblicher und männlicher Form, im Plural oder in Passivkonstruktionen.

Die Sitzung des Gremiums in Wien endete deshalb ohne Ankündigung von Regeländerungen. Bis zur nächsten Sitzung des Gremiums am 16. November in Passau soll eine Arbeitsgruppe mögliche Empfehlungen an die staatlichen Stellen der deutschsprachigen Länder vorbereiten.

Absolute Vorschriften könnten starke Gegenreaktionen hervorrufen

Der Sprachforscher Anatol Stefanowitsch, Professor für englische Philologie an der Freien Universität Berlin, hatte in SWR2 vor zu ehrgeizigen Reformen gewarnt. "Zunächst ist sicher eine Gefahr", so Stefanowitsch, "dass man mit einer absoluten Vorschrift so starke Gegenreaktionen hervorrufen wird, dass man sicher das Gegenteil von dem erreicht, was eigentlich erreicht werden könnte."

Erstmal klären, "was wir nicht mehr machen"

Für Änderungen ist der Sprachforscher allerdings schon. "Solange wir das nicht tun, kann das Geschlechterverhältnis nicht besser werden, weil wir alte Denkmuster, bei denen Männer der Normalfall waren und Frauen immer so ein bisschen nebenbei mitgemeint waren, einfach immer weiter in die Zukunft tragen." Fazit aus Sicht von Stefanowitsch: "Es geht bei der Änderung erst einmal darum, was wir nicht mehr machen sollen, als darum festzulegen, was wir machen sollen."

Generisches Maskulinum lässt zuerst an Männer denken

Was nicht mehr geht, ist aus der Sicht des Sprachforschers klar: "Wir wissen inzwischen aus experimenteller Forschung, dass wir bei dem sogenannten generischen Maskulinum zuerst an Männer denken und erst dann, wenn der Zusammenhang es nahelegt, in einer Art Nachbetrachtung, dass auch die Frauen mitgemeint sind. Dieser zweite Schritt erfolgt jedoch sehr häufig nicht, und das führt dazu, dass das generische Maskulinum die Idee weitertreibt, dass es immer nur um die Männer geht."

Gesellschaft in der Frage von Änderungen gespalten

Sind sprachliche Änderungen, Gender-Sternchen oder Binnen-I, nur ein Elitenprojekt? Das ist aus der Sicht von Stefanowitsch nicht so klar. Die Gesellschaft sei in dieser Frage gespalten. Etwa die Hälfte sei für Änderungen, die andere Hälfte tendenziell oder sehr deutlich dagegen.

Bislang außerhalb der amtlichen Rechtschreibung

Bislang, so der Sprachforscher, habe der Rechtschreibrat diese Frage eher laufen lassen. Genderschreibweisen existierten demnach außerhalb der amtlichen Rechtschreibung, könnten verwendet werden, seien weder richtig noch falsch. Die amtliche Rechtschreibung sage nichts darüber. Auch nach intensiverer Beratung, so Stefanowitsch, könne der Rechtschreibrat wieder zu einer ähnlichen Empfehlung kommen.

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