Kulturmedienschau

Rammstein-Konzerte in Berlin: „Kunstfigur Till Lindemann ist verbrannt“ | 14.7.2023

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Kristine Harthauer
Kristine Harthauer, SWR2 Moderatorin (Foto: SWR, Christian Koch)

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Ab Samstag, den 15. Juli, tritt die Skandal-Band Rammstein in Berlin auf: Drei Konzerte mit jeweils mehr als 60.000 Tickets, im ausverkaufen Olympiastadion. Währenddessen ermittelt die Berliner Staatsanwaltschaft gegen Frontsänger Till Lindemann. Ihm werfen mehrere Frauen sexuelle Übergriffe und Machtmissbrauch vor.

Es gab auch eine Petition, die die Konzerte in Berlin verhindern wollte. Die ist aber gescheitert: Der Berliner Kultursenator Joe Chialo hat Forderungen nach einem Verbot der Auftritte zurückgewiesen. Das sei emotional verständlich, rechtlich gäbe es keinen Hebel, so der CDU-Politiker. Was also tun, als Rammstein-Fan: Weiterhin die Konzerte besuchen oder boykottieren?

Im Tagesspiegel macht sich der Autor Bodo Morshäuser seine Gedanken, das ist eines unserer Themen in der Kulturmedienschau.

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Unabhängig von den Anschuldigungen der sexuellen Gewalt, steht gegen Lindemann auch der Vorwurf des Machmissbrauchs im Raum. Aber welche Verantwortung hat ein "Star" gegenüber seinen "Groupies"? Anders als im Fall von Julian Reichelt, wo Karrieren auf dem Spiel standen, ist es in diesem Fall schwieriger auszumachen, ab wann man tatsächlich von Machtmissbrauch sprechen sollte. Warum man es tun sollte, erklärt die Soziologin und Journalistin Nadia Shehadeh im Interview mit SWR2.
Nach den vielen mutmaßlichen Zeugenberichten der letzten Tage dränge sich der Verdacht auf, dass Frauen für Sex mit Till Lindemann regelrecht "rekrutiert" würden, so Shehadeh. Allein das sehe sie schon als problematisch an, auch wenn es an sich nicht justiziabel sei. Das Argument, die Frauen wüssten doch, worauf sie sich einlassen, lässt sie nicht gelten. Man müsse deutlich unterschieden zwischen sogenannten Groupies "und einfachen Fans, die sich nichts dabei denken, wenn sie in exklusive Bereiche eingeladen werden - wie eben auch Kayla Shyx."
Shyx, eine junge Influencerin mit etwa 750.000 Followern auf Twitter und Instagram, hatte am Montag ein Video veröffentlicht, in dem sie von ihren eigenen Erfahrungen auf einer Afterafter-Party Till Lindemanns berichtet. Auch sie habe nicht geahnt, worauf das Treffen mit dem Rammstein-Sänger hinauslaufen solle, so Shyx, sie habe sich jedoch immer unwohler gefühlt und deswegen mit einer Freundin - gegen den Widerstand der Lindemann-Crew - die Flucht ergriffen.
"Es ist schon sehr bezeichnend, dass den jungen Frauen, die sich nicht bewusst waren, in welches Setting sie sich begeben, unterstellt wird, dass sie ja genau gewusst oder sogar gewollt hätten, was dort geschieht und so eben auch "Victim Blaming" betrieben wird", kommentiert Shehadeh auf SWR2. An diesem Beispiel zeige sich auch, warum es für mutmaßliche Ofer so schwierig sei an die Öffentlichkeit zu gehen. Oft würde eher dem Star geglaubt, der für viele auch ein Vorbild sei, so Shehadeh. Auch in dieser Hinsicht bestehe ein Machtgefälle zwischen den Fans und ihren Idolen.
Info: 2019 gründete Nadia Shehadeh die "Female Festival Task Force", die sich für die Sicherheit von Frauen auf großen Musikveranstaltungen, auf Festivals und Konzerten einsetzt.

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Schwere Vorwürfe gegen Till Lindemann, Frontman von Rammstein. Eine Konzertbesucherin behauptet, der Sänger habe ihr bei einer Party vor dem Konzert ein Getränk gegeben. Sie vermutet, dass ihr Drogen verabreicht wurden, um sie gefügig zu machen. Die Band dementiert die Behauptung. Die Berichterstattung in so einem Fall ist ein Balanceakt, weiß Spiegel-Journalistin Juliane Löffler.

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Ekelhaft, witzig, blutrünstig, leise und zart. Das ist der neue Gedichtband von Rammstein-Frontsänger Till Lindemann. Der deutsche Künstler zeigt sich wieder von seiner provokanten Seite.

Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-05332-6
160 Seiten
18 Euro

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