Gespräch

Radikalisierung bei Jugendlichen: Anerkennung ist die beste Prävention

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„Es ist gar nicht so sehr die Ideologie selbst, sondern vielmehr die Anerkennung, die Jugendliche erfahren, zum Beispiel in rechten Gruppen“, erklärt der Politikwissenschaftler Hans-Gerd Jaschke im Gespräch mit SWR2. Entsprechend seien Jugendarbeit und Elternhäuser gefordert, Jugendlichen auf anderen Wegen genügend Respekt zu geben, um Radikalisierung zu verhindern.

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Gleichaltrige sind ein entscheidender Faktor

Die Forschungsergebnisse seien hier relativ eindeutig, sagt Hans-Gerd Jaschke: „Zurückweisung in Schule, Elternhaus oder bei gleichaltrigen Mitschülern“ führe zu Verunsicherung, ebenso Diskriminierungserfahrungen. Dies sei eine der herausragenden Konstellationen, die zu einer Radikalisierung bei Jugendlichen führen könne — aber nicht müsse.

Es gäbe, so Jaschke, mehrere Zugänge über die sich Jugendliche radikalisierten — diese seien im Einstieg Teil der jugendlichen Subkultur, erst durch die Radikalisierung gelange man dann in die „geheimbündlerische Phase“ und werde Teil des harten Kerns der jeweiligen Szene. Die beiden Hauptfaktoren, über die Jugendliche Teil extremistischer Gruppierungen werden, seien einerseits Gruppen von Gleichaltrigen, „Peer Groups“ und andererseits das Internet, erklärt der Politikwissenschaftler.

Autonome Radikalisierung über das Internet

Man habe gesehen, dass sich Radikalisierungsprozesse hauptsächlich in gleichaltrigen Gruppen vollzögen — also dort, wo Jugendliche mit anderen Jugendlichen zu tun hätten, das könnten rechte, islamistische oder auch linksautonome Gruppen sein. Das Internet sei seit einigen Jahren stärker in den Fokus gerückt, dort beobachte man, dass sich junge Erwachsene autonom radikalisierten — über den Konsum von Propagandamaterial, in Chatgruppen mit Gleichgesinnten und über Bekannte aus dem Netz.

Ansätze von Präventionsarbeit beim Staat, wie die laufende, interdisziplinäre Konferenz des Zentrums für Analyse und Forschung des Verfassungsschutzes in Berlin, begrüßt Jaschke grundsätzlich, weißt jedoch darauf hin, dass hier auch Transparenz gefragt sei. Beim Verfassungsschutz müsse man aufmerksam bleiben, wie und was gemacht werde, weil dieses Amt über sehr viele personenbezogene, sensible Daten verfüge.

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