Iran-Experte im Gespräch

Proteste im Iran treten in neue Phase: Wenn Revolution zum Alltag wird

STAND
INTERVIEW
Martin Gramlich

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Seit Monaten schon protestieren viele Menschen im Iran gegen ihre Regierung. Das Regime in Teheran hat seine Antwort darauf immer weiter verschärft und mittlerweile auch Todesurteile gegen Protestierende vollstreckt. Im Gespräch mit SWR2 sagt Iran-Experte Dr. Ali Fathollah-Nejad: „Es gibt eine eklatante Spaltung zwischen Staat und Gesellschaft und die geht zum ersten Mal durch alle Gesellschaftsschichten.“

Mehr Proteste durch Währungsverfall im Iran zu erwarten

Bereits seit fünf Jahren sei der „Beginn eines langfristigen revolutionären Prozesses“ zu beobachten, so der Politikwissenschaftler weiter. Damals seien vor allem die Unterschichten auf die Straße gegangen. Heute habe die Bewegung hingegen eine andere Qualität: „Diese neue Qualität ist das Schichtenübergreifende, was in der Vergangenheit nicht der Fall war.“

Revolutionäre Prozesse zeichnen sich laut Fathollah-Nejad dadurch aus, dass sie „Phasen des Aufruhrs, aber auch der Ruhe beinhalten“. Momentan befände sich die Protestbewegung im Iran auch aufgrund repressiver Maßnahmen in einer solchen Ruhephase.

Ali Fathollah-Nejad geht jedoch davon aus, dass die Proteste wieder in Gang kommen, zumal die wirtschaftliche Situation immer desolater werde:

„Was wir hier kaum mitbekommen, ist ein dramatischer Währungsverfall im Iran, der historische Ausmaße hat. Und der wird erfahrungsgemäß auch Proteste generieren, die dann auch sehr schnell politisch umschlagen.“

Gespräch Politologe Fathollah-Nejad: Proteste im Iran sind „revolutionärer Prozess“

Bei den Protesten im Iran handele es sich definitiv um einen „revolutionären Prozess“, meint der Politologe Ali Fathollah-Nejad im Gespräch mit SWR2. Im Unterschied zu den bisherigen Protesten stehe hinter den jüngsten Demonstrationen eine breit aufgestellte Bevölkerungsschicht. Ob es zu einem Umsturz kommen kann, sei, wie bei allen revolutionären Prozessen, nicht absehbar. Das Regime verfüge zurzeit noch über die stärkeren Mittel, die Proteste zu unterdrücken. Auch von ideologisch inszenierten Druckmitteln, wie jetzt der Brand im Ewin-Gefängnis in Teheran, dürfte in Zukunft noch viel zu beobachten sein, sieht der Experte voraus. Wichtig sei, die Gespräche über ein weiteres Atomabkommen mit dem Iran einzustellen, denn von diesen Geldern würde nur das Regime profitieren. Und die Mittel würden zur Unterdrückung der Proteste eingesetzt werden.

SWR2 am Morgen SWR2

Forum Ayatollah-Dämmerung - Wankt das Regime im Iran?

„Tod dem Diktator“ ist die Parole hunderttausender Frauen und Männer, die seit über zwei Monaten überall im Iran protestieren. Die Protestbewegung will den Sturz des Regimes, koste es, was es wolle. Sind die Tage der „Islamischen Republik“ nach 43 Jahren gezählt? Wird aus der Revolte eine Revolution? Und was käme danach?

SWR2 Forum SWR2

Gespräch Jasmin Tabatabai über die Proteste im Iran: Weltweite Solidarität bedeutet sehr viel

Jasmin Tabatabai zählt zu den großen Schauspielerinnen im deutschen Kino und Fernsehen. Ihre Karriere startete 1997 mit dem legendären Film „Bandits“ – viele starke Rollen folgten. Die ZDF-Serie „Letzte Spur Berlin“ ist ohne ihr Gesicht und ihre authentische Verkörperung der Ermittlerin Mina Amiri nicht vorstellbar. In SWR2 spricht sie über die Proteste in ihrem Heimatland: „Es nimmt mich unglaublich mit, was gerade aktuell im Iran passiert“.

SWR2 am Samstagnachmittag SWR2

Gespräch Enissa Amani: „Wir müssen die Stimmen im Iran noch lauter klingen lassen“

„Jede Solidaritätsaktion, wie sich Haarsträhnen auf Social Media abzuschneiden, hilft unglaublich“, sagt die iranisch-deutsche Komikerin Enissa Amani im Gespräch mit SWR2, „und jede Solidarität ist Menschlichkeit“.

SWR2 Kultur aktuell SWR2

Gespräch Iran-Expertin zu Kopftuch-Protesten: Alle solidarisieren sich gegen die Mullahs

„Das hat nochmal eine andere Qualität als frühere Proteste, weil sich hier alle Menschen solidarisieren können“, sagt die Kölner Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur in SWR2 zu den Protesten im Iran.

SWR2 am Morgen SWR2

Gespräch Proteste im Iran: Wenn Journalistinnen und Reporter zu Staatsfeinden erklärt werden

„Im Iran sitzen tausende Menschenrechtler*innen und Aktivist*innen in Haft. Vor Ort journalistisch zu arbeiten ist gar nicht möglich“, sagt die Journalistin Yalda Zarbakhch, Leiterin des Farsi-sprachigen Programms der Deutschen Welle, in SWR2. Untersützung käme von Bürgerinnen und Bürgern vor Ort, die westlichen Medien Videos zukommen lassen würden.

SWR2 Kultur aktuell SWR2

Iran-Proteste Songs der iranischen Freiheits- und Protestbewegung

Bereits seit dem 16. September 2022 finden im Iran landesweit Proteste gegen die autoritäre Regierung des Staates statt. Bei der Freiheits- und Protestbewegung spielt Musik eine wichtige Rolle. In diesem Kontext sind auf dieser Seite Songs der Bewegung mit Erläuterung und Übersetzung zu finden.

Was geht - was bleibt? Zeitgeist. Debatten. Kultur. Musik und Protest: Welche Lieder braucht es für eine Revolution?

Im Iran gehen seit Mitte September jede Woche zehntausende Menschen auf die Straße - gegen die Unterdrückung von Frauen, gegen das Regime als Ganzes. Davon, und von der brutalen Niederschlagung der Proteste, bekommen wir hier nur Bruchstücke zu sehen, weil das Regime das Internet drosselt und fast keine unabhängigen Journalist*innen mehr vor Ort sind. Was bei uns ankommt: Die Musik der Revolution, so wie die Hymne „Baraye“ von Shervin Hajipour. Welche Bedeutung hat diese Musik für die Prostest - und wie hängen Musik und Protest überhaupt zusammen?

„Zu Marschmusik protestiert man nicht“, sagt der Musikjournalist Keno Mescher, denn Protest drückt sich nicht nur in den Lyrics, sondern auch in der Musik selbst aus. Und für die Politikwissenschaftlerin Naika Foroutan zeigt sich in „Baraye“ verdichtet etwas, dass sie „pan-progressive Proteste“ nennt. Aber was als subversive Musik beginnt, muss diesen widerständigen Charakter nicht behalten: Ob für Werbung, bei Corona-Protesten oder sogar als Genre beim Rechtsrock: Musik ist für vieles anschlussfähig.

Wenn ihr jetzt auf den Geschmack gekommen seid und noch mehr Protestsongs hören wollt: Die folgenden Lieder stehen auf der Playlist Iran von Naika Foroutan oder haben uns bei der Vorbereitung des Podcasts begleitet:
Shervin Hajipour: „Baraye“
Toomaj Salehi: „Soorakh Moosh“
Gola Ardestani „Hagham-e“
Ali Azimi / Golshifte Farahani: „Marze Por Gohar“
Yashgin Kyäni: „Bella Ciao“
James Brown: “Say it loud (I’m Black and I’m Proud)”
Victor Jara: “Derecho de vivir en paz“
Joan Baez: Bread and Roses”
N.W.A. “Fuk da Police”

Habt ihr noch mehr Themen, die wir uns dringend anschauen sollten? Schreibt uns an kulturpodcast@swr.de

Host: Pia Masurczak
Redaktion: Pia Masurczak und Giordana Marsilio

Musikgespräch Musikjournalistin Franziska Buhre über Musik der Iranerinnen

„Wenn man sich entscheidet, Musik zu machen, braucht man eine besondere Entschlossenheit“. So beurteilt Franziska Buhre das Musikschaffen der Iranerinnen. Im SWR2 Musikgespräch gibt sie einen Überblick der Musik im Iran vor und während der Proteste.

SWR2 Treffpunkt Klassik SWR2

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Martin Gramlich