Protestantismus und Nationalsozialismus in Rheinland-Pfalz Hand in Hand?

Die pfälzische Landeskirche stand den Nationalsozialisten sehr nahe und fand viel Zuspruch bei den Protestanten des Landes. "Nationalsozialismus und Protestantismus gingen Hand in Hand" – zumindest in Rheinland-Pfalz. Das ist ein Fazit der Recherchen für das "Handbuch zur Geschichte der Pfälzischen Landeskirche im Nationalsozialismus", das Anfang 2016 erscheinen wird. Lesen Sie hier ein Interview mit Christoph Picker, Direktor der Evangelischen Akademie Rheinland-Pfalz und Herausgeber des Handbuchs.

mehrere Personen vor einem Kirchenportal (Foto: Zentralarchiv Ev. Kirche der Pfalz, Speyer   -)
Landesbischof Ludwig Diehl (2. von li.) mit goldenem Parteiabzeichen bei einer Glockenweihe in Siegelbach 1935 Zentralarchiv Ev. Kirche der Pfalz, Speyer -

Pfarrer Julius von Jan in Oberlenningen bei Kirchheim/Teck war einer der wenigen Kirchenleute, die den Novemberpogrom auf der Kanzel  ansprachen. Gab es in Rheinland-Pfalz ähnliche Fälle?

In der Pfalz gab es durchaus Pfarrer und Pfarrerinnen, die reagierten. Da war z.B. Johannes Bähr in Mutterstadt, der sich  am Tag nach dem Novemberpogrom  kritisch im Schulunterricht äußerte und deshalb denunziert wurde. Er kam in Haft und verbrachte ein bis zwei Nächte im Gefängnis.

Porträt eines Mannes (Foto: Zentralarchiv Ev. Kirche der Pfalz, Speyer   -)
Pfarrer Johannes Bähr Zentralarchiv Ev. Kirche der Pfalz, Speyer -

Auf Intervention der Kirchenleitung kam er schließlich wieder frei. Wahrscheinlich aber haben sich viele wegen dieser zu erwartenden Konsequenzen nicht getraut und die Situation auf der Kanzel ist natürlich nochmals eine viel prominentere. Dazu hätte man schon sehr viel Mut gebraucht auch im Hinblick auf den Kanzelparagraphen, der politische Äußerungen im Gottesdienst explizit verboten hat. Und de facto gibt es in der Pfalz keine Beispiele dafür, dass der Novemberpogrom auf der Kanzel angesprochen worden ist.

Wie reagierten die badischen und pfälzischen Pfarrer nach der Deportation der Juden nach Gurs im Oktober 1940?

Gar nicht! Das ist natürlich ein erschreckender Befund.

Warum erhoben sich 1938 so wenige und 1940 gar keine Stimmen in den Kirchen?

Viele hatten Angst vor Repressionen – das ist erkennbar in den Quellen. Für die frühen Jahre bis 1938 kann man sagen, dass die Aggressivität des NS-Antisemitismus unterschätzt wurde. Das, was 1940 passierte, war in der Wahrnehmung der Zeitgenossen noch nicht das, was wir im Rückblick wissen, nämlich die Vorstufe zu Auschwitz.
Ein dritter Faktor gilt für einen Teil der Kirche von damals: eine lange bestehende Tradition der Judenfeindschaft. Einer meiner Lehrer hat einmal gesagt: "Das ist der christliche Elektrakomplex , das ist die Mutterreligion, mit der man sich schwer tut, und diese Schwierigkeiten haben im Verlauf der Geschichte ihren Ausdruck immer wieder in Judenfeindschaft gefunden." All das vermischte sich mit anderen judenfeindlichen Traditionen und führt dann zu einem komplizierten Motivgeflecht, was Antisemitismus begünstigte und Solidarisierung mit Minderheiten erschwerte. 

eine Gruppe Kinder posiert vor der Kamera, einige halten Gegenstände in der Hand (Foto: Stadtarchiv Ludwigshafen -)
Plünderung der Synagoge in Ruchheim (heute Stadtteil von Ludwigshafen) durch Schülerinnen und Schülern Stadtarchiv Ludwigshafen -

Wenn aber ein Gotteshaus angezündet wird, und das eine systematische Aktion ist, dann müssen die Alarmglocken läuten:  Spätestens da musste man doch erkannt haben, dass dieses System  sehr gewalttätig gegen eine Minderheit vorgegangen ist.

Ja natürlich, das gilt im Grunde auch schon für die gewaltsamen Übergriffe von 1933 unmittelbar nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten. Auf kirchlicher Seite gab es Zustimmung, Bagatellisierung, Mangel an Zivilcourage, die man aus heutiger Perspektive nicht verstehen kann. Man steht immer wieder fassungslos vor diesen Phänomenen.

Blick in eine Kirche (Foto: Zentralarchiv Ev. Kirche der Pfalz, Speyer   -)
Markuskirche Oggersheim (heute Stadtteil von Ludwigshafen) an Erntedank 1933 mit geflochtenen Ähren in Hakenkreuzform im Altarraum. Zentralarchiv Ev. Kirche der Pfalz, Speyer -

War die pfälzische Landeskirche besonders stark empfänglich für den Nationalsozialismus?

Ich glaube ja! Das hat damit zu tun, dass es in der Pfalz schon vor 1933 relativ enge Netzwerke bzw. persönliche Verbindungen zwischen Nationalsozialisten und Kirchenleuten gegeben hat. Die Pfalz ist beispielsweise die einzige Landeskirche, die 1934 mit Ludwig Diehl einen Landesbischof gewählt hat, der schon sehr früh, nämlich 1927, NSDAP-Mitglied gewesen ist, und die Nationalsozialisten in der Pfalz alle kannte.
Außerdem hat sich der Nationalsozialismus in der Pfalz, wie übrigens meines Erachtens auch andernorts, gar nicht so kirchenfeindlich gegeben, wie man das bisher geglaubt hat. Also Nationalsozialismus und Protestantismus gingen zumindest in der Pfalz – aber wahrscheinlich nicht nur – sehr lange Zeit und zum Teil bis zum Schluss, bis 1945, Hand in Hand.

Der Katholizismus hingegen hatte seine politische Heimat im  Zentrum.

Ja, es ist bekannt, dass die Mitgliedschaft in der NSDAP bis zum 28.3.1933 sogar von der deutschen Bischofskonferenz verboten wurde. Also im Grunde war das als Häresie eingeordnet und die Katholiken wählten das Zentrum und eben nicht die NSDAP. Das führte von Anbeginn zu einer starken Frontstellung, zumindest zwischen der NSDAP und dem politischen Katholizismus. Das Regime – auch  in der Pfalz – ging aggressiver gegen den Katholizismus vor als gegen die evangelische Kirche,  und gleichzeitig war auch die Kritik aus dem katholischen Milieu gegenüber dem Nationalsozialismus deutlich stärker ausgeprägt.

Die Protestanten hingegen waren mehrheitlich bei den nationalliberalen Parteien anzutreffen, die ja am Ende der Weimarer Republik stark erodiert sind. Es gab durchaus so etwas wie eine politische Heimatlosigkeit der Protestanten  in dieser Zeit, wovon die NSDAP profitierte. Das ist in der Pfalz deutlich feststellbar. Die Sympathien für den Nationalsozialismus haben damit zu tun, dass man meinte, gemeinsame Feinde oder besser Gegner zu haben: nämlich die Kommunisten und die Katholiken.

ein Porträt eines Mannes (Foto: Zentralarchiv Ev. Kirche der Pfalz, Speyer   -)
Pfarrer Oswald Damian, Sozialdemokrat und Religiöser Sozialist Zentralarchiv Ev. Kirche der Pfalz, Speyer -

Welche Formen von Opposition oder Verweigerung  konnte man dennoch in der evangelischen Kirche der Pfalz antreffen?

Es gab keine wirklichen Widerstandskämpfer. Ein Dietrich Bonhoeffer ist in der evangelischen Kirche eine Ausnahmegestalt. Für mich ist die interessanteste und bemerkenswerteste Person aus der Pfalz ein Pfarrer aus Pirmasens: Oswald Damian war Sozialdemokrat und gehörte der Kirchengruppierung "Religiöse Sozialisten" an. 1932 hatte er eine hellsichtige Schrift unter dem Titel "Die Religion ist in Gefahr" verfasst. Darin erklärte er, warum die Gefährdung des Christentums nicht von links sondern von den Nationalsozialisten ausging. Dieser Pfarrer ist dann im März 1933 unmittelbar nach der Machtübernahme inhaftiert und in einem der frühen Konzentrationslager drangsaliert worden. Schließlich erklärte Oswald Damian seinen Austritt aus der SPD und sagte die Auflösung  der "Religiösen Sozialisten" zu. Er war einer von vielen, die eingeschüchtert wurden. Er wurde zwar freigelassen, aber zog sich danach völlig aus der Öffentlichkeit zurück, ging in die innere Emigration. Er war ein ganz hellsichtiger, beeindruckender Mann, aber eben auch ein Gebrochener, der sich nach dieser Erfahrung nichts mehr traute.

Der bereits erwähnte Johannes Bähr hatte sich nicht nur im Klassenzimmer kritisch geäußert, sondern war mit der Beerdigung einer Jüdin 1943 wirklich ein wirklich hohes persönliches Risiko eingegangen: Das passierte heimlich, nachts auf dem jüdischen Friedhof in Mannheim.

Es gab auch die vielen kleinen Scharmützel vor Ort: Pfarrer, die nicht die Glocken läuten ließen zu Wahlsiegen der  NSDAP oder sich mit HJ-Führern um Dienste von Jugendlichen am Sonntagmorgen stritten. Insofern gab es unterschiedliche Grade und Formen von Widersetzlichkeit.

eine Familie zu Hause mit fünf Kindern, das Jüngste noch auf dem Arm der Mutter (Foto: Zentralarchiv Ev. Kirche der Pfalz, Speyer   -)
Familie Walter Mannweiler, einziger sog. nichtarischer Pfarrer der Landeskirche, emigrierte 1934 in die Schweiz Zentralarchiv Ev. Kirche der Pfalz, Speyer -

Setzte sich die protestantische Kirche für getaufte Juden ein?

In der pfälzischen Kirche gab es 1933 nur einen einzigen "nichtarischen" Geistlichen, Walter Mannweiler. Er war Pfarrverweser, also nicht Inhaber einer Pfarrstelle. Da er nicht in den regulären Pfarrdienst übernommen wurde, emigrierte er in die Schweiz. Deshalb war es auch in der Pfalz nicht notwendig, den "Arierparagraphen" einzuführen wie in anderen Landeskirchen.

Was die Unterstützung  von Gemeindegliedern jüdischer Herkunft betrifft, gibt es keine konkreten Hinweise. Nachweisbar ist nur, dass 1939 ein Antrag auf Ausschluss aller getauften Juden keine Mehrheit in der Kirchenregierung fand. Man hatte offensichtlich doch Skrupel, die NS-Rassenideologie auf die Kirchenmitgliedschaft anzuwenden. Gleichzeitig sprach die Kirchenregierung die Warnung aus, dass diese Entscheidung nicht falsch zu verstehen sei und man nicht den Eindruck erwecken oder verbreiten solle, als seien Juden in der pfälzischen Landeskirche willkommen. Solidarität mit getauften Juden war also eher Fehlanzeige, auch wenn sie bis Kriegsende Mitglieder der evangelischen Kirche in der Pfalz bleiben durften.

Man sah also die Not der Menschen, aber die Sorge um die eigene Organisation war größer?

In der Tat, das institutionelle Eigeninteresse ist fast durchgängig dominant gegenüber den überlebensnotwendigen Fragen von Mitmenschlichkeit und Solidarität, die eigentlich für das Christentum zentral sind.

Und diese Haltung findet ja eine Fortsetzung in der unmittelbaren Nachkriegszeit, oder ist das zu heftig formuliert?

Nein, das ist nicht zu heftig formuliert. Die Kirche muss sich sicher fragen lassen: Wie verbinden wir den Auftrag, Kirche für andere zu sein, mit der Notwendigkeit, die eigene Institution zu erhalten – was kein abwegiges Ziel ist. Das wird allerdings schwierig, wenn beides miteinander kollidiert.

War denn die Institution so gefährdet, das man alles andere hintenanstellte bzw. meinte, hintenanstellen zu müssen?

Die Situation 1933/1934 war nicht so, dass man den Nationalsozialismus als Gefahr für die Kirche begriffen hat. Im Gegenteil, er wurde als große Chance für den Protestantismus wahrgenommen – als Kraft, die die Gefährdungen, denen man sich in der späten Weimarer Republik ausgesetzt sah, nämlich einen angeblich gottlosen Bolschewismus und eine vermeintliche katholische Dominanz, zurückdrängen konnte. Die Begeisterung war frappierend, das gilt auch für die Protestanten, die sich der Bekennenden Kirche zuwenden. Und es ist auch so gewesen, dass es 1933 erstmals wieder viele Kircheneintritte gab.

Also ein Eintritt in eine Kirche, die sich deutlich hinter die nationalsozialistische Regierung stellte.

So ist es! Ein überraschendes Ergebnis bei den Recherchen für das Handbuch ist diese breite Zustimmung, ein zweites unerwartetes Ergebnis ist die Tatsache wie wenig kirchenfeindlich sich der Nationalsozialismus in der Pfalz gebärdet hat. In der NSDAP gab es durchaus Funktionäre – das ist in der Pfalz erkennbar –, die Christentum und Nationalsozialismus für vereinbar hielten und der Auffassung waren, dass sie sich gegenseitig befruchten könnten…

Menschen stehen um einen Platz, einige halten Hakenkreuzfahnen (Foto: Stadtarchiv Ludwigshafen -)
Feldgottesdienst 1933 Stadtarchiv Ludwigshafen -

Sind Sie auf weitere neue Erkenntnisse bei den Auswertungen der Quellen für das Handbuch gestoßen?

Da ist noch das spannende Kapitel "Die Kirchen und das Geld" – eine Frage,  die bisher selten gestellt wurde und auch indikatorisch für den Grad der Gefährdung ist. In den ersten Jahren der NS-Diktatur ging es bei der protestantischen Kirche massiv bergauf, nicht nur wegen der zunehmenden Kircheneintritte, sondern auch wegen der allgemeinen positiven  konjunkturellen Entwicklung, die natürlich schon auf den Vernichtungskrieg im Osten angelegt war, aber zunächst doch erfolgreich erschien. Die Einnahmen aus der Kirchensteuer stiegen enorm an, sodass die Kirche bis 1945 nicht schlechter, wenn nicht deutlich besser dastand als 1932.

Pfarrer Geiser von der Tübinger Eberhardskirche feierte im November 1945 einen Gottesdienst zum Gedenken an Menschen jüdischer Herkunft, u.a. an Hans Spiro. Seine Witwe Cläre war es auch, die öffentlich in der Zeitung an ihren ermordeten Mann erinnerte. Warum war das selbst nach Kriegsende etwas Besonderes?

Das war in der Tat ein Ausnahmefall. Die Schuld an den Juden wurde in der protestantischen Kirche erst 1950 zum Thema gemacht mit der Erklärung von Berlin-Weißensee. Das ist erschreckend spät gewesen. Warum das letztlich so war, ist nur psychologisch zu erklären. Das hat mit Lähmung zu tun, die sich nach Kriegsende ausbreitete, mit Schock über die Monstrosität der Verbrechen, vor denen man lange weggeschaut hatte und mit denen man jetzt durch die Wochenschaubilder unmittelbar konfrontiert war. Das hat aber auch mit Scham der Täter und der Opfer zu tun. Und es ist erkennbar, dass antijüdische Haltungen nach 1945 nicht einfach weg sind. 1950 gab es eine Landessynode in der Pfalz, die den Text von Berlin-Weißensee zustimmend aufnahm und anordnete, dass er von allen Kanzeln verlesen werden sollte. Seit den 80er Jahren gab es dann Bestrebungen, die Kirchenverfassung der Pfalz zu verändern und sich darin von Rassenhass und Judenfeindschaft explizit zu distanzieren, also die Solidarität mit dem jüdischen Volk zum Ausdruck zu bringen und zur Identitätsfrage der Kirche zu machen. Das führte dann in den 90er Jahren zu einer entsprechenden Veränderung in der Kirchenverfassung.  

Das Interview führte Angelika Schindler, April 2015 //

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