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Michail Gorbatschow ermöglichte mit seiner Politik in den 80er-Jahren das Ende des Kalten Krieges und die deutsche Einheit. „Das war natürlich eine sehr spannende Zeit, weil sich fast alles geändert hat in der Sowjetunion, und er als eine sehr charismatische Figur eben dafür stand: Glasnost und Perestroika“, erinnert sich Hans-Peter Riese, langjähriger ARD-Korrespondent in Moskau, in SWR2. Es habe damals eine unglaubliche Aufbruchstimmung geherrscht.

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Glasnost hat vor allem die Städter interessiert

Die Versprechung von Glasnost: Mehr Offenheit, eine bessere Presse, eine bessere Information - das habe die Menschen fasziniert. Allerdings vor allem in der Hauptstadt, in Sibirien aber sei von dieser Stimmung sehr viel weniger zu spüren gewesen. Doch die wirtschaftlichen Probleme hätten Gorbatschow zu guter Letzt in die Knie gezwungen.

„Daran ist Gorbatschow am Ende auch gescheitert, er hat nicht sehr viel vom Funktionieren der Wirtschaft verstanden und er hatte auch keine Leute um sich herum in der Administration im Kreml. Und er hat es auch nicht so gemacht wie später Jelzin, der sich dann Spezialisten aus Amerika geholt hat.“

Hans-Peter Riese, langjähriger ARD-Korrespondent in Moskau

Vielen gilt Gorbatschow als Totengräber der Nation

Seit Ende der 90erJahre wird Gorbatschow eher als eine Art Totengräber der Nation gesehen - eine Haltung, die Putin und die putintreue Presse noch befördert hätten. Fälschlicherweise, meint Riese, „denn zerstört hat die Sowjetunion eigentlich Jelzin, der noch in der Zeit als Gorbatschow Präsident war, dafür gesorgt hat, dass die Sowjetunion sich auflöst“, so Riese. Gorbatschow aber habe viel für die Welt getan. „Er hat den Kalten Krieg beendet. Er hat die wichtigsten Abrüstungsverträge geschlossen. Und er hat natürlich den Deutschen die Wiedervereinigung gebracht. Ohne seine Politik wäre das nicht möglich gewesen“.

Heute feiert der ehemalige Kreml-Chef Michael Gorbatschow seinen 90. Geburtstag.

6.10.1989 Gorbatschow in der DDR – Kein "Wer zu spät kommt ..."

6.10.1989 | Die DDR beginnt mit den Feiern zu ihrem 40. Jahrestag. Es gibt großes Tamtam mit Militärparade und allem, was dazugehört. Doch die Krise ist unübersehbar, die Demonstrationen laut. Der sowjetische Generalsekretär Michail Gorbatschow besucht zum Jubiläum die DDR. Er ist der Hoffnungsträger der Demonstrierenden. Gorbi, hilf uns, rufen sie, und noch viel mehr. Hier ein Zusammenschnitt der wichtigsten Demonstrationsrufe. Gorbatschow selbst hört die Rufe sichtlich gerne. Später wird ihm der Satz in den Mund gelegt: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Das soll er in Bezug auf die Honecker-Regierung gesagt haben. Doch dieser Satz ist nicht im Ton überliefert. Und ob er ihn je gesagt hat, ist fraglich. Im folgenden Ton hören wir, was er tatsächlich gesagt hat. Die Szene: Gorbatschow vor der Neuen Wache Unter den Linden. Umringt von Dutzenden Reportern. Er geht auf eines der Mikrofone zu und gibt ein Statement. Da redet er zweimal über die Lehren des Lebens, aber von zu spät kommen ist nicht die Rede. Aus seinen späteren Gesprächen mit dem DDR-Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker gibt allerdings noch ein Protokoll. Dort wird Gorbatschow mit den Worten zitiert: Wenn wir zurückbleiben, bestraft uns das Leben sofort. Zwei Reporter machen daraus die griffige Übersetzung: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Gorbatschow erfährt davon später, und ihm gefällt das, er übernimmt den Satz in seiner Autobiografie. Funfact: Im Zusammenhang mit dem Ende der DDR gibt es noch ein zweites berühmtes Zitat, das so nie gesagt und erst nachträglich zum großen Wort hochstilisiert wurde – nämlich den Willy Brandt zugeschriebenen Satz "Es wächst zusammen, was zusammen gehört".  mehr...

12.6. 1987 Ronald Reagan in West-Berlin: "Mr. Gorbatschow, tear down this wall!"

12.6.1987 | US-Präsident Ronald Reagan ist zum Staatsbesuch in der Bundesrepublik. Er besucht West-Berlin und hält vor dem Brandenburger Tor eine Rede. Am Ende fordert er den sowjetischen Staats- und Parteichef Michail Gorbartschow auf, die Mauer abzureißen. Die Rede wird simultan übersetzt.  mehr...

Buchkritik Peter Brinkmann - Der Preis der Deutschen Einheit. Michael Gorbatschow und die NATO 1989/90

Warum liegen Russland und der Westen heute politisch so über Kreuz? Weil die NATO sich nach Osten ausgedehnt und damit gegen Absprachen verstoßen hat, erklärt Moskau. Aber gab es solche Absprachen? Der langjährige Zeitungsjournalist Peter Brinkmann hat diese Frage in seiner Dissertation erörtert. Sie ist nun als Buch erschienen. Ein kenntnisreicher Band, der vom Leser aber einige Vorkenntnisse verlangt.
Rezension von Michael Kuhlmann.
Böhlau-Verlag, 430 Seiten, 39,99 Euro
ISBN 978-3-412-51893-6  mehr...

SWR2 lesenswert Kritik SWR2

18.10.1989 Erich Honecker tritt ab, Egon Krenz folgt

18.10.1989 | 18 Jahre lang war Erich Honecker SED-Chef, 14 Jahre lang auch Vorsitzender des Staatsrats der DDR. Am 18. Oktober 1989 endet diese lange Ära. Honecker wird zum Rücktritt gezwungen, nachdem er auf die dramatischen Veränderungen in der DDR keine Antwort hatte. Michail Gorbatschow hatte ihn noch gewarnt mit seinem berühmten Satz: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Honecker wird abgelöst von seinem Stellvertreter Egon Krenz – der auch nicht für Reformen und Aufbruch steht.  mehr...

Jahrestag Gemischte Bilanz: 30 Jahre Deutsche Einheit

Am 3. Oktober 1990 - ein knappes Jahr nach dem Fall der Mauer - trat die frühere DDR der Bundesrepublik bei, mit weitreichenden Auswirkungen in Deutschland und weltweit. Wie bewerten Ost und West heute – zum 30. „Tag der Deutschen Einheit“ – die Entwicklungen seit dem Mauerfall 1989 und der Wiedervereinigung 1990? Als Erfolgsgeschichte trotz vieler Rückschläge oder als Vereinnahmung des Ostens durch den Westen?  mehr...

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