Gesellschaft

Poesie und Politik: Louise Bernice Halfe ist kanadische Parlamentsdichterin

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AUTOR/IN
Peter Mücke

Für manche ist der Vorschlag ein Witz: Deutschland könnte sich wie andere Nationen einen Parlamentsdichter zulegen. Nachdem bei der Vereidigung von Präsident Joe Biden im vergangenen Jahr die junge Dichterin Amanda Gorman mit ihrem Gedicht „The Hill We Climb“ Schlagzeilen gemacht hat, wird die Idee auch hierzulande immer salonfähiger. In Kanada hat man bereits seit 2002 eine*n Parlamentspoet*in. Seit Anfang 2021 ist es Louise Bernice Halfe, Sky Dancer. Sie ist die erste Parlamentsdicherin indigener Herkunft.

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Schmerzhafte und komplexe Ereignisse in Worte fassen

In Kanada war die Entdeckung von Kinder-Massengräbern auf dem Gelände kanadischer Kinderheime der katholischen Kirche ein einschneidendes politisches Ereignis, das nur schwer zu fassen war. Halfe, die zum Stamm der Cree gehört und deren indigener Name übersetzt Sky Dancer, Himmelstänzerin, bedeutet, hat über dieses schmerzhafte Ereignis ein Gedicht geschrieben.

Angels: 215 and more, 1820–1979 „The Past is Always Our Present“

Children’s creeks
Trickle in their sleep.
A blanket of deep earth
Covered fingers entwined
Arms around each other.

Eigene, traumatische Erfahrungen verweben sich mit dem kollektiven Schicksal

Halfe selbst musste ab einem Alter von sieben Jahren eine der berüchtigten „Residential Schools“ besuchen. In diese Umerziehungsheime wurden seit Mitte des 19. Jahrhunderts Kinder der First Nations, indigener Volksgruppen Kanadas, zwangserzogen. Gewalt und Missbrauch war die Regel, viele starben.

Auch für die Familien war der Effekt schrecklich, Halfes älterer Bruder nahm sich das Leben, sie selbst brach mit 16 Jahren den Kontakt zu ihrer Familie ab und studierte Soziale Arbeit. Lange arbeitete Louise Bernice Halfe in der Suchthilfe, denn auch dieses Problem ist weit verbreitet in der indigenen Bevölkerung des Landes, auch in Reaktion auf die anhaltenden, Generationen übergreifenden Traumata.

Mit über 40 zur Literatur

Während Halfe schon seit ihrer Jugend Interesse am Schreiben zeigte, fing die inzwischen 68-Jährige erst mit über 40 Jahren an, Bücher zu veröffentlichen. Dabei gehört zu einem ihrer häufigsten Stilmittel das „Code Switching“, sie wechselt von zwischen den Sprachen, von Englisch zu Cree oder mischt beide.

Damit will sie auf die Zerstörung der indigenen Sprache hinweisen, aber auch die Verbindung zur Kultur halten. Ihre Werke sind spirituell, aber auch feministisch und politisch. Louise Bernice Halfe hilft als Parlamentspoetin den Kanadier*innen, sich langsam der unfassbaren Brutalität der Geschichte der Indigenen in ihrem Land bewusst zu machen.

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