Gespräch

Philosophin Sabine Döring: In der vierten Corona-Welle nicht mit „Spaltung der Gesellschaft“ drohen

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Die befürchtete „Spaltung der Gesellschaft“ während der vierten Welle der Corona-Pandemie sei zunächst nur eine Metapher, so die Tübinger Philosophin Sabine Döring in SWR2. Spalten könne man Holzscheite oder Atomkerne. Zwar passe die Metapher auf den Streit zwischen Geimpften und Ungeimpften, da es für deren Status kein „Dazwischen“ gebe. Sie werde aber nun als „Drohkulisse“ gegen Corona-Maßnahmen in Anschlag gebracht, „so nach dem Motto: Wenn wir die Ungeimpften noch weiter aufbringen, vertiefen wir den Spalt in der Gesellschaft.“

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Impfgegner sind „Trittbrettfahrer“, die Leistungen des Gesundheitssystems für sich in Anspruch nehmen, ohne sich selbst solidarisch zu verhalten

Oft werde dabei vorgespiegelt, dass eine solche Spaltung unbedingt verhindert werden müsse, im Zweifelsfall auch um den Preis von Menschenleben. Solchen Auffassungen sei energisch zu widersprechen, so Döring.

Impfgegner seien letztlich „Trittbrettfahrer“, da sie gesellschaftliche Leistungen des Gesundheitssystems für sich in Anspruch nähmen, ohne sich selbst solidarisch zu verhalten. Es sei dabei nicht entscheidend, ob solches Verhalten nur durch Unwissenheit oder durch das bewusste Leugnen von Fakten ausgelöst werde.

Man könnte wie in anderen Ländern personalisierte Impfaufforderungen verschicken

Ähnliches gelte für die Beschwörung gesellschaftlicher Freiheiten, die Entscheidung über eine Impfung also ganz in das Ermessen des einzelnen zu stellen. De facto bedeute das, die gesundheitlichen Folgen dem Krankenhauspersonal zu überlassen.

Sie selbst, so Döring, plädiere für eine Impfpflicht zumindest für bestimmte Berufsgruppen. In anderen Ländern würden dazu bereits personalisierte Impfaufforderungen verschickt. Solche Mittel seien in Deutschland noch nicht ausgeschöpft.

Sabine Döring ist Professorin für Praktische Philosophie und Ethik an der Universität Tübingen.

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