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Die jüdische Gemeinde wollte für ihre neue Synagoge in der Mainzer Neustadt keine Adresse in der „Hindenburgstraße“. Daher gibt es dort nun schon seit 2009 einen „Synagogenplatz“. Eine diplomatische Lösung, die nicht überall funktioniert. Die Arbeitsgemeinschaft „Historische Straßennamen“ empfiehlt weitere Umbenennungen.

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Hans Pfitzner muss weg!

Während in Hamburg und in Wiesbaden die Umbenennung der Pfitznerstraßen bereits beschlossene Sache ist, sprach sich auch in Mainz die vom Stadtrat eingesetzte Arbeitsgemeinschaft „Historische Straßennamen“ mehrheitlich für die Umbenennung der Pfitznerstraße aus.

Der Komponist und Dirigent Hans Pfitzner, nach dem die Straße in der Mainzer Neustadt benannt ist, war unter anderem auch Kapellmeister am Mainzer Stadttheater. Problematisch ist Pfitzners antisemitische Überzeugung: Während der NS-Zeit profilierte er sich damit beim Regime, aber auch nach 1945 bekannte er sich weiterhin dazu. Er begründete damit seine Abneigung der Neuen Musik.

„Ein namhafter alter Tonsetzer in München, treudeutsch und bitterböse.“

Thomas Mann über Hans Pfitzner, 1947

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Wen wollen wir öffentlich ehren?

In vielen Städten wird seit einiger Zeit über Straßennamen und Denkmäler diskutiert, durch die „Black Lives Matter“-Proteste hat die Diskussion jetzt erneut an Fahrt aufgenommen. Man habe festgestellt, dass es in vielen deutschen Städten noch Straßen gebe, die nach militärischen Befehlshabern aus der Kolonialzeit benannt seien, so Tillmann Krach, Vorstand im Verein für Sozialgeschichte in Mainz.

Die bereits 2011 gebildete Mainzer Kommission „Historische Straßennamen“ legte Ende 2016 dem Stadtrat ihren Abschlussbericht vor mit Empfehlungen für insgesamt drei Straßenumbenennungen. Beraten wird im Stadtrat nach der Sommerpause.

Die Auswahlkriterien hätten sich an der Frage orientiert, inwiefern die betroffenen Personen sich in der Zeit des Nationalsozialismus für die NS-Ideologie engagiert hätten, erklärt Krach.

Kritik an den Umbenennungen

In Freiburg wurde bei einer ähnlichen Untersuchung weitaus umfassender vorgegangen: dort wurden alle 1.300 Straßennamen auch auf frauenfeindlichen, antisemitischen und militaristischen Hintergrund hin untersucht. Den Unterstützer*innen solcher Umbenennungen wird häufig vorgeworfen, die verletzten das kulturelle Gedächtnis der Städte.

„Ich bin der Meinung, dass man ganz klare Grenzen setzen muss, also ganz klare Definitionen formulieren muss. Sonst geht das ins Uferlose.“

Tillmann Krach, Verein für Sozialgeschichte

Ehrung als Wiedergutmachung für die Opfer

In Mainz wird jetzt überlegt die Pfitzner-Straße nach Verfolgten des NS-Regimes zu benennen. Konkret vorgeschlagen habe ein Musikwissenschaftler Erich Wolfgang Korngold und Hans Gál, so Krach.

Für ihn eine gute Idee: „Hans Gál finde ich sehr passend, weil er auch der Leiter des Konservatoriums hier in Mainz war. Ein Komponist, der emigriert ist. Insofern ist die Umbenennung – und das ist auch ein ganz wichtiger Aspekt in der Debatte – auch eine Art Wiedergutmachungsakt.“

Gespräch Stuttgart diskutiert Denkmalstürze: Öffentlicher Raum als Platz für (Ent-)Ehrungen

Wie gehen wir heute mit Denkmälern von politisch oder moralisch umstrittenen Personen der Geschichte um? Josef Klegraf vom Verein „Zeichen der Erinnerung“ setzt auf Hinweistafeln oder künstlerische Interventionen. In Stuttgart gebe es z.B. einen kritisierten Bismarckturm — ohne relativierende Hinweistafel würde sich jedoch kaum jemand mehr an den Reichskanzler erinnern. Eine liberale Gesellschaft müsse auch unbequeme Denkmäler ertragen.  mehr...

SWR2 Journal am Mittag SWR2

Kommentar Debatte um historische Denkmäler: Keine Selbstjustiz beim Abriss

Auch in Deutschland tobt die Debatte zur Frage, ob historische Denkmäler abgerissen werden sollen, wenn sie Rassismus und Kolonialismus verherrlichen. Doch wie weit trägt ein „Aus den Augen - aus dem Sinn“ intellektuell?
Rainer Volk argumentiert, dass Denkmäler auch die Irrtümer der Geschichte aufzeigen können und es darauf ankommt, sie in ihren Kontext zu setzen.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Kulturmedienschau Diskussion um Umbennenung von Straßen | 23.6.2020

Manchmal lässt sich die Geschichte ganz einfach und fast schon spielerisch umdeuten – dann wird aus Rassismus und Kolonialismus etwas Gesundes und Nahrhaftes. 2009 zum Beispiel fügten ein paar Aktivisten der Berliner Mohrenstraße einfach zwei Pünktchen über dem O hinzu – aus Mohrenstraße wurde Möhrenstraße… Ganz so einfach geht es in der Realität aber nicht – die Mohrenstraße heißt weiter so wie vor einigen hundert Jahren. Nur die Diskussion um die Umbenennung von Straßennamen hat an Fahrt aufgenommen. Sogar am Sockel von Hegel und Kant wird gewackelt.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

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