Kulturmedienschau

Österreich - eine Soap Opera! | 12.10.2021

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AUTOR/IN
Anja Höfer

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Die „Shakespeare“-Komödie im türkisen Österreich

Die Lage in Österreich nach dem Rücktritt von Bundeskanzler Sebastian Kurz nimmt für viele Beobachter*innen komödiantische Züge an — wenn's auch ernst ist. Da ist man als österreichische*r Romanautor*in echt aufgeschmissen: Was soll man noch schreiben? Fragt der österreichische Romanautor Elias Hirschl ein bisschen verzweifelt. Um dann doch — auf ZeitOnline — einen Schreibversuch zu wagen:

„Der österreichische Autor Wolf Haas beginnt jeden seiner Brenner-Krimis mit dem Satz 'Jetzt ist schon wieder was passiert', und zurzeit überlege ich mir ernsthaft, ob ich mir die Phrase nicht doch endlich tätowieren lassen soll. (…) Dieser Satz ist das Was bisher geschah dieses zur Soap Opera mutierten Landes. Die österreichischen Nachrichtensendungen sind inzwischen zur Sitcom des deutschen Fernsehpublikums verkommen, das sich entspannt aus sicherer Distanz fremdschämen kann.“

"Kurz und seine Entourage, das sind keine PR-Experten, das sind keine politischen Talente, das sind fünfzehnjährige Jungs in ihrem geheimen Baumhaus, wo keine Mädchen erlaubt sind." https://t.co/UihQXMNKHj

Und weiter: „Sebastian Kurz, (…) der im Bezug auf ertrinkende Flüchtlinge gesagt hat 'es wird nicht ohne hässliche Bilder gehen' – dieser Mensch, der nicht nur seine Haare in Schwankungsbreite frisiert, wagt es, zu behaupten, sein Land sei ihm wichtiger als seine Person. Da wundert es mich nicht einmal mehr, dass jetzt mit Alexander Schallenberg übergangsweise ein Mann als Bundeskanzler einspringt, der gefordert hat, man solle erst einmal abwarten und die Taliban nach ihrer Machtübernahme 'an ihren Taten messen'. Kurz ist zurückgetreten, aber weder er selbst noch der Kurz'sche Geist sind weg.“

Ein bisschen wie ein Theaterkommentar zur Lage in Österreich wirkt die szenische Lesung von Claus Peymann und seinem ehemaligen Dramaturgen Hermann Beil mit Thomas-Bernhard-Dramoletten im Wiener Theater in der Josefstadt. Darunter auch das berühmte: „Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen“. Die FAZ schreibt: „Thomas Bernhard, von Hermann Beil mit reizend-lächerlichem Filzhut verkörpert, beschimpft beim Mittagsmahl in einem Wiener Nobelrestaurant alle übrigen Anwesenden entweder als 'Nazis' oder als 'Dummköpfe'.“

Ganz Österreich ist die Bühne, alle Österreicher sind Komparsen, die Hauptdarsteller sitzen in der Hofburg und am Ballhausplatz, in den Zeitungsredaktionen und in den Parteizentralen. Das Publikum aber ist die ganze Welt. - Thomas Bernhard -

Zeitlos aktuell, denn: „Als auch der 'Bundeskanzler – ein Dummkopf' – erwähnt wird und Claus Peymann dabei verschmitzt-verschwörerisch ins Publikum zwinkert, brandet doch tatsächlich Szenenapplaus auf. Mit einem hat Thomas Bernhard da also gewiss nicht ganz falsch gelegen, obwohl er, bei all seiner Hassliebe auf seine Heimat, nicht mit Kurz und Konsorten rechnen konnte: Österreich ist wirklich die beste Shakespearekomödie, die Bernhard nie geschrieben hat“, so die FAZ.

Grüne-Jugend-Sprecherin Sarah-Lee Heinrich und die Hass-Dynamik im Netz

Nach dem Shitstorm auf Twitter gibt es nun auch Morddrohungen gegen Sarah-Lee Heinrich, die neue Bundessprecherin der Grünen Jugend. Das ist heute Thema in den sozialen Netzwerken.

Wie beiläufig Morddrohungen mittlerweile zu solchen Abläufen dazugehören, wäre auch mal, unabhängig von der jeweiligen „Lagerzugehörigkeit“, zu besprechen. https://t.co/7jqMD5MR5e

Ich hoffe wirklich, dass jeder einzelne, der glaubt, anderen Gewalt androhen zu können, angezeigt und entsprechend bestraft wird. Morddrohungen sind NICHT der neue Leserbrief und sollten es nie werden. https://t.co/uuGTiMn2ZB

Gespräch Schriftsteller Franzobel: Schattenkanzler und Kanzler-Marionette in der Operetten-Republik Österreich

Die Reihe österreichischer Skandale reiche von der aktuellen Affäre um den zurückgetretenen Bundeskanzler Sebastian Kurz und den Ibiza-Skandal der FPÖ bis zurück in die Jahre von Bundeskanzler Bruno Kreisky, sagt der österreichische Schriftsteller Franzobel in SWR2. Nach wie vor müsse man sagen, dass das Land einfach mit Korruption funktioniere.  mehr...

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