Gespräch

Missbrauchsgutachten belastet Papst Benedikt – Weiterer Sargnagel für Katholische Kirche

STAND
INTERVIEW
ONLINEFASSUNG

Das Gutachten über Missbrauchsfälle im Erzbistum München zeige das Bild einer Kirche, die vor allem an ihrem Ruf nach außen und an der Macht klerikaler Männerbündnisse in ihrem Inneren interessiert sei, sagt Matthias Möhring-Hesse in SWR2, Professor für Theologische Ethik und Sozialethik an der Universität Tübingen. Der Inhalt des Gutachtens könne insofern nicht überraschen. Die Münchner Gutachter waren unter anderem zu dem Ergebnis gekommen, dass allein der emeritierte Papst Benedikt XVI. als früherer Münchner Erzbischof in vier Fällen gegen Missbrauchstäter nicht vorgegangen war.

Audio herunterladen (7,6 MB | MP3)

Der Tübinger Theologe Matthias Möhring-Hesse (Foto: imago images, Ulmer)
Der Tübinger Theologe Matthias Möhring-Hesse Ulmer

Weiterer Schub für den Niedergang der Katholischen Kirche

Die Folgen dieser Erkenntnisse für die Katholische Kirche ließen sich noch nicht absehen, sagt Matthias Möhring-Hesse. Aber aus dem Rückblick werde man eines Tages womöglich sagen müssen, dass das Gutachten „ein weiterer Sargnagel für die Kirche ist, für die Papst Benedikt steht, ein weiterer Schub für den Niedergang dieser Kirche.“

Täterschutz statt Opferschutz

Das Selbstinteresse der Kirchenvertreter sei offensichtlich so groß gewesen, dass darüber Anstand und Recht verloren gegangen seien. Das Gutachten zeige sowohl die individuelle Schuld, die mit Kardinal Ratzinger, Kardinal Friedrich Wetter und Kardinal Reinhard Marx gleich drei Münchner Bischöfe auf sich geladen hätten, zugleich aber auch das langjährige systematische Versagen darin, diese Schuld anzuerkennen.

Audio herunterladen (5,1 MB | MP3)

Kardinal Marx hat Gutachten gegen Widerstand in Auftrag gegeben

Institutioneller Druck habe zugleich verursacht, dass Ratzinger später Papst geworden sei. „Umso mehr sollte und darf man schätzen“, so Möhring-Hesse, „dass sich Kardinal Marx diesem Druck auch widersetzt und dieses Gutachten in Auftrag gegeben hat, von dem er doch wusste, dass dabei Kardinal Ratzinger eben auch schlecht aussehen würde.“

Gespräch Synodalversammlung berät über Folgen des Münchner Missbrauchsgutachtens

Missbrauch in der katholischen Kirche zukünftig verhindern – das ist für die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Irme Stetter-Karp, die wichtigste Frage, die auf der anstehenden Tagung in Frankfurt geklärt werden muss. „Ich setze darauf, das eine Mehrheit der deutschen Bischöfe erkannt hat, dass jetzt die Zeit des Handelns gekommen ist“, sagt Stetter-Karp bei SWR2. Dabei gelte es, Strukturen und alte Rollenbilder zu hinterfragen. Konkret liegt der Versammlung ein Text zur Neubewertung von Homosexualität vor. Stetter-Karp ist zuversichtlich, dass der Zustimmung erhalten wird. Bei diesen Fragen gebe es eine Möglichkeit, die Veränderungen national herzustellen – also zur Not auch ohne den Segen aus Rom.
Nach dem neuen Missbrauchsbericht der Erzdiözese München ist die Katholische Kirche in einer höchst kritischen Situation. Wohl auch, weil Joseph Ratzinger höchstpersönlich als ehemaliger Münchner Bischof zu Missbrauchsfällen geschwiegen hat und gerade als späterer Papst eben erheblichen Einfluss auf den Umgang der Kirche mit Missbrauchsfällen hatte. Natürlich ist das auch eines der bestimmenden Themen auf der Synodalversammlung der Katholischen Kirche, die heute in Frankfurt beginnt und auf dem sogenannten „Synodalen Weg“ nun bereits zum dritten Mal über Reformen des kirchlichen Lebens berät.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Gespräch Sexueller Missbrauch: Vatikan plant offenbar Anpassung des Kirchenrechts an modernes Strafrecht

Es deute sich an, dass der Vatikan das Kirchenstrafrecht deutlich verschärfen werde, sagt der Chefredakteur der Katholischen Nachrichtenagentur, Ludwig Ring-Eifel, in SWR2. Endlich werde es mit Blick auf die Frage des sexuellen Missbrauchs wohl auch „so etwas wie ein modernes Strafrechtsverständnis“ geben, so Ring-Eifel anlässlich der bevorstehenden Veröffentlichung des neuen Kirchenrechts im Vatikan.
Die bisherige Anwendung des Sechsten Gebots („Du sollst nicht die Ehe brechen“) auf Fälle des sexuellen Missbrauchs sei „die völlig falsche Kategorie, und das soll jetzt geändert werden.“ Der eigentliche Straftatbestand sexualisierter Gewalt gegen Kinder sei in dieser Vorschrift gar nicht vorgekommen.
Auch die Entsendung von zwei Bischöfen als Visitatoren ins Bistum Köln wertet Ring-Eifel als klares Zeichen dafür, dass der Papst begriffen habe, dass er durchgreifen und mögliche Verletzungen der Aufsichtspflicht ahnden müsse. „Sonst läuft das dermaßen aus dem Ruder“, so Ring-Eifel, „dass nachher die komplette Glaubwürdigkeit der Katholischen Kirche hin ist.“
Zu einer Visitation komme es nur, wenn man den Verantwortlichen nicht mehr zutrauen, „den Karren aus dem Dreck herauszuziehen“. Die Wahrscheinlichkeit sei relativ hoch, dass Kardinal Woelki darüber sein Amt verlieren könne. Sicher sei das aber keineswegs.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Diskussion "Am toten Punkt" - Kann sich die katholische Kirche erneuern?

Das Rücktrittsangebot von Kardinal Marx hat die katholische Kirche schwer erschüttert. Der Münchner Erzbischof will „ein Zeichen setzen“, sieht die Kirche an einem „toten Punkt“. Kein Stein werde auf dem anderen bleiben, meint der Osnabrücker Bischof Bode. Der Vatikan ist alarmiert. Aber führt das Rücktrittsgesuch des populären Kardinals tatsächlich zu einer Erneuerung? Silke Arning diskutiert mit Prof. Dr. Bernhard Sven Anuth - Theologe und Kirchenrechtler, Universität Tübingen, Monsignore Dr. Christian Hermes - Stadtdekan von Stuttgart, Schwester Philippa Rath - Delegierte des Reformdialogs „Synodaler Weg“  mehr...

SWR2 Forum SWR2

STAND
INTERVIEW
ONLINEFASSUNG