Erinnerungskultur Weggesehen? Befürwortet? Mitgewirkt?

Nationalsozialismus und Holocaust als Teil unserer Familiengeschichten

Der Großvater des Autors Moritz Pfeiffer als Offiziersanwärter, 1939. (Foto: Moritz Pfeiffer -)
Mein Großvater als Offiziersanwärter, 1939. Moritz Pfeiffer -

Der Opfer des Holocaust zu gedenken, bedeutet auch, zu fragen, wie es zu ihrer Entrechtung, Verfolgung, Deportation und Ermordung kommen konnte. Eine naheliegende Möglichkeit zur Auseinandersetzung mit diesem Thema wird häufig verdrängt: Nationalsozialismus und Holocaust sind Teil unserer Familiengeschichten.

Meine Großeltern waren keine bekannten Persönlichkeiten. Sie hatten keine herausragende Stellung inne in der NS-Gesellschaft, der NSDAP oder im Militär. Sie waren weder aktiv in den Holocaust verstrickt, noch sind sie gänzlich unschuldig daran. Sie waren "ganz normale Deutsche", wie es in der Geschichtsforschung so schön heißt. Ich habe mich intensiv damit auseinander gesetzt, wie sie die Zeit zwischen 1933 und 1945 (und die Jahre davor und danach) erlebt haben. Ich habe ausführliche Interviews mit ihnen geführt und zeitgenössische Quellen von ihnen ausgewertet. Wie standen sie zum Nationalsozialismus? Was haben sie bis 1939, was während des Zweiten Weltkriegs erlebt? Wussten sie von NS-Verbrechen? Meine Liebe zu ihnen stand dabei nie infrage. Es ging weder darum, sie anzuklagen, noch sie pauschal von etwaiger Mitschuld freizusprechen. Ich wollte sachlich und differenziert nachvollziehen, was sie erlebt haben, um zu lernen, um sensibilisierter zu sein in meinem heutigen Dasein.

"Oma und Opa waren keine Nazis"

Die eigene Familiengeschichte zum Ausgangspunkt für eine Auseinandersetzung mit der NS-Zeit zu nehmen, ist – von einigen Ausnahmen abgesehen – nicht gerade ein weit verbreitetes Phänomen. Glaubt man Meinungsumfragen, so klammern die Deutschen die eigene Familie weitestgehend aus dem historischen Kontext der NS-Zeit aus. Eine Mehrheit glaubt, die eigenen Vorfahren hätten den Nationalsozialismus abgelehnt. Gerade einmal 6 Prozent räumen ein, in ihrer Familie sei der Nationalsozialismus befürwortet worden. Träfe dieses familiäre Geschichtsbild der Deutschen zu, hätte es zwischen 1933 und 1945 vor NS-kritischen Bürgern, ja vor Widerstandskämpfern nur so wimmeln müssen. Die Sache ist wohl etwas komplexer.

Ein Fallbeispiel

Meine Großeltern wurden Anfang der 1920er Jahre in konservativen, mittelständischen Elternhäusern geboren. Das demokratische System der Weimarer Republik wurde skeptisch beäugt. Die Eltern meines Großvaters wählten die antisemitische Deutschnationale Volkspartei DNVP, ein Steigbügelhalter Adolf Hitlers auf dem Weg zur Macht. In den Jugendorganisationen der NSDAP waren meine Großeltern mit großer Begeisterung aktiv. Dabei wurden sie nicht nur selbst indoktriniert, sondern sie gaben die NS-Erziehungsideale als ranghohe Jugendführer auf lokaler Ebene an andere Jugendliche weiter. Geprägt durch Elternhäuser und persönliche Erlebnisse in den NS-Jugendorganisationen erschien ihnen der nationalsozialistische Gesellschaftswurf als legitim und richtig. Die damit einhergehende Ausgrenzung etwa der jüdischen Bevölkerung aus der Gesellschaft war für meine Großeltern nach eigener Angabe kein Thema von Relevanz. Für sie überwogen die positiven Aspekte des Nationalsozialismus', seine Schattenseiten nahmen sie nicht wahr, verdrängten sie oder entzogen sich ihnen durch behauptete Ahnungslosigkeit. Einzig den "Radau-Antisemitismus" wie beim landesweiten Pogrom im November 1938, lehnten meine Großeltern nach eigener Angabe explizit ab.

Der Großvater (3. v. r.) des Autors Moritz Pfeiffer mit Zugführern seines Infanterieregiments. (Foto: Moritz Pfeiffer -)
Mein Großvater (3. v. r.) mit Zugführern seines Infanterieregiments. Moritz Pfeiffer -

Als Berufsoffizier der Wehrmacht erlebte mein Großvater den Zweiten Weltkrieg in Polen, Frankreich und der Sowjetunion. Er war Teil der 6. Armee, die beim Überfall auf die Sowjetunion nicht nur durch ihre Vernichtung im Kessel von Stalingrad bekannt wurde, sondern auch durch zahlreiche Kriegsverbrechen auf dem Weg dorthin. Fragte man ihn nach der Ermordung etwa der Juden, antwortete er reflexhaft, davon überhaupt nichts gewusst zu haben. Später räumte ein, gerüchteweise wäre einiges bekannt gewesen. Schließlich offenbarte er ein umfassendes Wissen über die systematische Tötung von Juden in Polen. Wie er einräumte, sei er keiner Information nachgelaufen, habe diese ganze Thematik immer weit von sich geschoben. Offenbar wusste er genug, um zu wissen, nicht noch mehr wissen zu wollen.

"Was geht uns das eigentlich noch an?"

Ohne Zweifel erlitt er eigenes Leid im Krieg, etwa in Form einer schweren Verwundung, die ihn das rechte Augenlicht kostete. Er lebte in Ungewissheit über das Schicksal anderer Familienangehöriger, wurde Opfer des alliierten Bombenkriegs, war in Kriegsgefangenschaft und betrauerte den Tod seines jüngeren Bruders. Nach dem Krieg richteten meine Großeltern den Blick nach vorne und vermieden eine Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit. Fragen ihrer Töchter und Schwiegersöhne beantworteten sie ausweichend. Aber sie akklimatisierten sich in einer liberalen, rechtsstaatlichen Demokratie und lebten den deutsch-französischen Aussöhnungsprozess. Mit größerem zeitlichen Abstand – im Gespräch mit den Enkeln – beschäftigten sie sich wieder intensiver mit ihrer Verstrickung in den Nationalsozialismus, freilich ohne dabei allzu selbstkritische Gedanken äußern zu können. Das Ringen mit der eigenen Vita, mit Schuld und Scham war ein schmerzhafter innerer, letztlich nicht abgeschlossener Prozess.

Dies ist nur ein subjektives Beispiel. Eine Familie. Ein Lebenslauf. Ich erhebe keinen Anspruch, damit irgendetwas erklären zu können. Entschuldigen will ich damit auch nichts. Diese Zeit ist ein Teil der Geschichte unseres Landes und unserer Familien. Ich kann nur dazu anregen, auch die eigene Familiengeschichte als Ausgangspunkt für eine emotionalere Beschäftigung mit der Zeit zwischen 1933 und 1945 zu nehmen – ohne Anklage- oder Reinwaschungsgelüste, sachlich und differenziert. Um zu begreifen, wie es dazu kommen konnte. Um zu verhindern, dass so etwas noch einmal vorkommt. Um der Opfer zu gedenken und ihnen gerecht zu werden. Eine erkenntnisbringende Frage lautet dabei nicht: Wie hätte ich mich damals verhalten? Die Frage muss lauten: Wie verhalte ich mich heute?

Von Moritz Pfeiffer //


Weggesehen? Befürwortet? Mitgewirkt?
Nationalsozialismus und Holocaust als Teil unserer Familiengeschichten: Vortrag vom 22.10.2014 im Stadtmuseum Baden-Baden, Moritz Pfeiffer M. A.

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