Nachruf und O-Töne

Zum Tod von Michail Gorbatschow

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Der frühere sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow ist am 30. August 2022 im Alter von 91 Jahren in Moskau gestorben. Er galt als einer der Väter der Deutschen Einheit und als Wegbereiter für das Ende des Kalten Krieges.

Michail Gorbatschow, Ex-Präsident der Sowjetunion, ist am 30. August 2022 in Moskau gestorben (Foto: IMAGO, Imago)
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In seiner Heimat hatte Gorbatschow ab 1985 als Generalsekretär der Kommunistischen Partei mit seiner Politik von Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umgestaltung) einen beispiellosen Reformprozess eingeleitet. 1988 wurde er Präsident der Sowjetunion. 1990 erhielt Gorbatschow für seine Reformen den Friedensnobelpreis.

Der politische Prozess, den Gorbatschow eingeleitet hatte, führte zu massiven Umbrüchen in allen Republiken des Sowjetstaates und letztlich zu einem Zusammenbruch des kommunistischen Imperiums.

Nachruf von Christina Nagel, ARD Moskau:

Gespräch „Gorbatschow hat eine Politik des friedlichen Miteinanders verfolgt“

,,Die Politik von Glastnost und Perestroika hat sehr viel bewirkt im Bereich der Kultur, der Wissenschaft, der Zivilgesellschaft", sagt die Direktorin des Deutschen Historischen Instituts in Moskau, Dr. Sandra Dahlke. Große Aufarbeitungsprozesse habe er in Gang gesetzt, vor allem in Bezug auf die Verbrechen der Stalin-Ära. Eine Aufarbeitung, die heute durch die Politik Putins wieder in Frage gestellt werde.
Gorbatschow sei der Auffassung gewesen, dass eine grundlegende gesellschaftliche Umgestaltung nur dann möglich ist, wenn man sich auch den dunklen Seiten der eigenen Geschichte stelle, sagt die Historikerin über das kulturelle Erbe des bedeutenden Politikers. Dieses Erbe sei heute in Gefahr. Man könne nur hoffen, dass es in absehbarer Zeit an Gorbatschows ,,Politik der Verständigung, der Herrschaft des Rechts und des friedlichen Miteinanders" wieder Anknüpfungspunkte geben kann, meint Dahlke in SWR2.  mehr...

SWR2 Journal am Mittag SWR2

Historische O-Töne zu Gorbatschow im SWR2 Archivradio

12.6. 1987 Ronald Reagan in West-Berlin: "Mr. Gorbatschow, tear down this wall!"

12.6.1987 | US-Präsident Ronald Reagan ist zum Staatsbesuch in der Bundesrepublik. Er besucht West-Berlin und hält vor dem Brandenburger Tor eine Rede. Am Ende fordert er den sowjetischen Staats- und Parteichef Michail Gorbartschow auf, die Mauer abzureißen. Die Rede wird simultan übersetzt.  mehr...

6.10.1989 Gorbatschow in der DDR – Kein "Wer zu spät kommt ..."

6.10.1989 | Die DDR beginnt mit den Feiern zu ihrem 40. Jahrestag. Es gibt großes Tamtam mit Militärparade und allem, was dazugehört. Doch die Krise ist unübersehbar, die Demonstrationen laut. Der sowjetische Generalsekretär Michail Gorbatschow besucht zum Jubiläum die DDR. Er ist der Hoffnungsträger der Demonstrierenden. Gorbi, hilf uns, rufen sie, und noch viel mehr. Hier ein Zusammenschnitt der wichtigsten Demonstrationsrufe. Gorbatschow selbst hört die Rufe sichtlich gerne. Später wird ihm der Satz in den Mund gelegt: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Das soll er in Bezug auf die Honecker-Regierung gesagt haben. Doch dieser Satz ist nicht im Ton überliefert. Und ob er ihn je gesagt hat, ist fraglich. Im folgenden Ton hören wir, was er tatsächlich gesagt hat. Die Szene: Gorbatschow vor der Neuen Wache Unter den Linden. Umringt von Dutzenden Reportern. Er geht auf eines der Mikrofone zu und gibt ein Statement. Da redet er zweimal über die Lehren des Lebens, aber von zu spät kommen ist nicht die Rede. Aus seinen späteren Gesprächen mit dem DDR-Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker gibt allerdings noch ein Protokoll. Dort wird Gorbatschow mit den Worten zitiert: Wenn wir zurückbleiben, bestraft uns das Leben sofort. Zwei Reporter machen daraus die griffige Übersetzung: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Gorbatschow erfährt davon später, und ihm gefällt das, er übernimmt den Satz in seiner Autobiografie. Funfact: Im Zusammenhang mit dem Ende der DDR gibt es noch ein zweites berühmtes Zitat, das so nie gesagt und erst nachträglich zum großen Wort hochstilisiert wurde – nämlich den Willy Brandt zugeschriebenen Satz "Es wächst zusammen, was zusammen gehört".  mehr...

14.5.1986 Stellungnahme von Gorbatschow nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl

14.5.1986 | In der ersten öffentlichen Stellungnahme der Sowjetunion nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl reagierte Michail Gorbatschow auf die Kritik des Westens. Er forderte zur internationale Zusammenarbeit in Kernenergiefragen auf.  mehr...

19. bis 25.8.1991 Putsch gegen Gorbatschow – Sowjetunion in Auflösung

19. bis 25.8.1991 | Mit seinen demokratischen und marktwirtschaftlichen Reformen in der Sowjetunion macht sich Präsident Michail Gorbatschow viele Gegner auch in der eigenen Kommunistischen Partei, der KPdSU. Gorbatschow will die Sowjetunion zusammenhalten, aber den nicht-russischen Republiken dabei mehr Eigenständigkeit erlauben. Dies soll in einem Vertrag am 20. August 1991 besiegelt werden. Doch dazu kommt es nicht. Gorbatschow, der in den Tagen zuvor Urlaub auf der Krim macht, wird am 19. August festgehalten, ein selbsternanntes Staatskomitee erklärt in Moskau den Ausnahmezustand. Bei den Putschisten handelt es sich um hochrangige Parteimitglieder, unter ihnen Gorbatschows Vize Gennadi Janajew. Es ist der Beginn einer turbulenten Woche, an deren Ende der Putsch zwar beendet ist und Gorbatschow wieder im Amt, doch das Machtzentrum wird sich zum russischen Präsidenten Boris Jelzin verlagern und die baltischen Staaten sowie die Ukraine werden ihre Unabhängigkeit erklären. | http://swr.li/putsch-gegen-gorbatschow  mehr...

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SWR