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Von Oktober 1944 bis März 1945 waren in den Klassenzimmern der heutigen Gustav-Wiederkehr-Schule in Mannheim über 1000 KZ-Häftlinge eingepfercht. Als Zwangsarbeiter mussten sie für Mannheimer Unternehmen wie die Daimler-Benz AG schuften. Vor 30 Jahren eröffnete im Keller der Schule die KZ-Gedenkstätte Sandhofen, die an ein lange verdrängtes Kapitel Mannheimer Industriegeschichte erinnert.

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Verschleppt und versklavt

Es waren ausnahmslos polnische Männer und Jugendliche, die nach dem Warschauer Aufstand von den Nazis zunächst nach Dachau verschleppt worden waren.

„Nachdem sie eingekleidet und geschoren waren, wurden sie von – heute würde man sagen 'Personalmanagern` der Firma Daimler-Benz selektiert“, sagt der Historiker Hans-Joachim Hirsch. „Die haben sich da wie auf dem Sklavenmarkt bedienen dürfen.“

„Die Daimler-Benz AG hat sich wie auf dem Sklavenmarkt bedienen dürfen.“

Hans-Joachim Hirsch, Historiker

Zwangsarbeit bei der Daimler-Benz AG, dem größten Unternehmen der Stadt Mannheim. Das Thema war nach 1945 lange ignoriert worden.

„Vernichtung durch Arbeit“

„Wenn man an KZ denkt, denkt man an viele, viele Tote, Massenhinrichtungen oder Vergasungen. Das war in Sandhofen so nicht der Fall“, sagt Michael Caroli, ebenfalls Historiker. „Es war ein Lager unter dem Motto 'Vernichtung durch Arbeit`.“

Ein Drittel der 1000 Gefangenen ist an der Folgen von Zwangsarbeit und Misshandlungen durch die SS gestorben. Ein Häftling wurde öffentlich hingerichtet.

Mannheimer Jugend kratzte am Tabu

Der Stadtjugendring Mannheim erinnerte 1979 erstmals an das vergessene Konzentrationslager im Stadtteil Sandhofen und berührte damit ein Tabu. Als am Schulgebäude eine Gedenktafel angebracht wurde, blieb in der Inschrift unerwähnt, für wen die Zwangsarbeiter schuften mussten.

Die Mannheimer Politik habe ihren großen Arbeitgeber Benz nicht vergraulen wollen, vermutet Caroli. Erst später habe der Konzern sich entschlossen, seine Geschichte in der NS-Zeit aufarbeiten zu lassen.

Späte Entschädigung

Es vergingen fast 50 Jahre, bis die letzten noch lebenden ehemaligen Zwangsarbeiter 7000 D-Mark als Entschädigung erhielten. 1990 wurde in der Gustav-Wiederkehr-Schule die Gedenkstätte mit Ausstellung und Dokumentationszentrum eröffnet. Im Keller der Schule, dem ehemaligen „Volksbad“.

„ Ich habe nicht mehr geglaubt, alt zu werden. Ich bin als Skelett zurückgekommen. Ich habe großes Glück, dass ich überlebt habe.“

Edward Majewski, ehemaliger Zwangsarbeiter

Die Dauerausstellung basiert auf den Erinnerungen der polnischen Zwangsarbeiter, zusammengetragen von Peter Koppenhöfer. Inzwischen sind fast alle dieser letzten Zeitzeugen verstorben. Aber sie leben in Film- und Tondokumenten weiter. So wie Edward Majewski:

„Nach dem Krieg war ich nur in Krankenhäusern. Ich habe nicht mehr geglaubt, alt zu werden. Ich bin als Skelett zurückgekommen, 34 Kilo habe ich auf die Waage gebracht, bei 1,80 Metern. Mein Bauch waren zwei Löcher. Ich habe großes Glück, dass ich überlebt habe.“

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