Kultursoziologe Wolfgang Engler zum Tag der Deutschen Einheit Ostdeutsche Empfänglichkeit für Radikalität

Der Tag der Deutschen Einheit steht 2018 unter den Eindrücken der gewalttätigen Auseinandersetzungen von Chemnitz, Hetzjagden auf Ausländer und der Beunruhigung über den wachsenden Erfolg der AfD in Ostdeutschland. Der Kultursoziologe Wolfgang Engler meint in SWR2, die ökonomischen Verwerfungen in Ostdeutschland seien tief. Deshalb seien Menschen bis in die Mitte der ostdeutschen Gesellschaft für radikale gesellschaftliche Lösungen empfänglich.

"Helfen Geld und gute Worte in Ostdeutschland nicht?"

"Seit dem NSU, seit der Pegida, seit der AfD", so Wolfgang Engler, richteten sich die Blicke wieder nach Ostdeutschland. "Helfen da Geld und gute Worte nicht? Einmal autoritär, immer autoritär?", greift der Kultursoziologe ironisch aktuelle Fragen auf.

Essentiell für die Situation, so Engler, sei ein ökonomischer Umbruch, bei dem viele nicht gut mitgekommen seien. "Das geht im Osten Deutschlands wirklich bis zu einer Erschütterung der berühmten Mitte der Gesellschaft." Deshalb reiche bis dorthin auch die "Ansprechbarkeit für radikale Lösungen".

Doppelerfahrung: Demokratie ohne Wohlstandserlebnis

Mit den Erfahrungen der Westdeutschen sei das nicht vergleichbar, meint Wolfgang Engler: "Anders als in der Bundesrepublik nach 1949, wo das Angebot der Demokratie wirtschaftlich untermauert wurde", sei im Osten eine sehr widersprüchliche Doppelerfahrung zu beobachten.

"Einerseits", so Engler, "waren die Ostdeutschen erfolgreich mit dem, was sie unmittelbar anstrebten, bürgerliche politische Rechte zu erobern. Das war gewollt, das ist eingetreten. Und in eins damit bricht hunderttausenden, wenn nicht Millionen Ostlern nach 1990 der soziale Boden unter den Füßen weg."

Radikale Tendenzen in Ostdeutschland "auch noch in zehn Jahren"

Das Fazit des Kultursoziologen: "Wer bei Pegida mitläuft, das sind nicht nur die Abgehängten. Das sind auch solche, die ganz gut beieinander sind, gut gebildet sind, überdurchschnittliche Einkommen haben." Mit Ereignissen wie in Chemnitz, so Engler, sei auch künftig zu rechnen. "Ich prophezeie, dass wir damit auch in zehn Jahren noch zu tun haben werden."

Buchcover "Wer wir sind: Die Erfahrung, ostdeutsch zu sein" (Foto: Aufbau Verlag -)
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