Kulturmedienschau

Künstler Georg Baselitz fordert Entfernung eines NS-Kunstwerks in München | 4.10.2022

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Philine Sauvageot

Georg Baselitz stört sich an einem Werk in der neu sortierten Dauerausstellung der Pinakothek der Moderne. Sollten Propagandawerke der NS-Zeit auch in Kunstmuseen ausgestellt und verhandelt werden? Die Süddeutsche Zeitung hat ihre Zweifel. Und nach dem Tod der Schauspielerin und Aktivistin für die Rechte der Indigenen Amerikas, Sacheen Littlefeather, erinnert die taz an einen folgenschweren Auftritt vor der Oscar-Academy.

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Früher zierte das Gemälde die NSDAP-Zentrale, heute hängt es im Museum

Sie gefielen Adolf Hitler: vier blonde, nackte, kräftige Frauen. Und so kaufte er sie und brachte sie in der NSDAP-Zentrale über dem Kamin an. Das Gemälde „Vier Elemente“ von Adolf Ziegler war im Nationalsozialismus auch ein beliebtes Postkartenmotiv. Ziegler selbst gilt als Freund von Adolf Hitler, Profiteur der NS-Kunstpolitik und einem ihrer Drahtzieher. Und heute? Hängt das Werk in der Münchner Pinakothek der Moderne.

Damit ist sie ist das einzige große deutsche Kunstmuseum, das ein NS-Kunstwerk in einer Dauerausstellung zeigt. Die wurde gerade neu sortiert, die „Vier Elemente“ sind geblieben. Und ein bedeutender deutscher Künstler, selbst in der Ausstellung vertreten, ärgert sich darüber. Georg Baselitz fordert, das Gemälde „endlich abzuhängen“.

Baselitz: „Diese Wirkung ist NS-propagandistisch“

Unerträglich sei es, dass im selben Saal Werke von Künstlern hängen, die im Nationalsozialismus verfolgt wurden. Die Hängung erwecke den Eindruck, die „vier Elemente“ seien das prominente und wesentliche Werk, die übrigen Arbeiten darauf bezogen. Zieglers Werk dominiere aufgrund seiner Größe den Raum.

„Diese Wirkung ist NS-propagandistisch“, schreibt Baselitz in einem Brief an den Generaldirektor der Staatsgemäldesammlungen und an den bayerischen Kunstminister. Außerdem schreibt Baselitz weiter: „Es schockiert, dass Nazipropaganda auf diese schmuddelige Art in einem Münchner Museum möglich ist.“ Die Süddeutsche Zeitung pflichtet Baselitz bei:

„Ein Besuch in der Ausstellung bestätigt, was Baselitz schreibt: Zieglers vier elegant beleuchtete, stilisierte Frauenakte mit ihren sieben aus dem Bild ragenden Busen ziehen sofort die Blicke auf sich: Dem diskreten Titel zum Trotz ist es ein verführerisches Stück Nazi-Pop.“

Kann die Präsentation selbst Teil einer kritischen Auseinandersetzung mit NS-Kunst sein?

Dabei räumt die SZ ein, womit sich auch der Kurator und der Sammlungsleiter verteidigen: Das Museum erläutert den Kontext. „Der Wandtext klärt über Zieglers Karriere auf und beschönigt auch sonst nichts. Die Akte ,repräsentierten rassistische Körperideale des NS‘, heißt es dort unmissverständlich.“

Warum überhaupt so etwas zeigen? Das Museum erklärt: Die kritische Auseinandersetzung mit NS-Kunst sei eine wichtige Aufgabe, auch von Kunstmuseen.

„Früher hat immer die Furcht geherrscht, dass man durch die Betrachtung von Nazi-Kunst die alten Dämonen des Bösen wieder weckt. Ich glaube, dass demokratische Gesellschaften damit heute umgehen können“.

Bei der SZ bleiben dennoch Zweifel: Da ist sich der Autor Jörg Häntzschel nicht sicher, ob die Präsentation der „Vier Elemente“ nicht doch eher dazu beiträgt, die „zwölf Jahre“ der NS-Zeit „geräuschlos zu einem von vielen Kapiteln der Kunstgeschichte zu machen“.

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Die Oscar-Akademie hat sich nach fast 50 Jahren bei der amerikanischen Ureinwohnerin Sacheen Littlefeather entschuldigt, die bei der Oscar-Verleihung 1973 ausgebuht worden war.  mehr...

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Philine Sauvageot