Nach dem Krisentreffen der Essener Tafel Die geprügelten Helfer

Kommentar am 28.2.2018 von Susanne Babila

Die Essener Tafel wollte keine weiteren Ausländer zur Ausgabe von Lebensmitteln zulassen. Der Ausländeranteil liegt in Essen demnach bei drei Vierteln der Bedürftigen. Nach massiver Kritik an dieser Ausgabe-Regelung will die Tafel jetzt zusammen mit der Stadt Essen einen "Runden Tisch" gründen - um bessere Lösungen zu finden. Die öffentliche Empörung trifft die Falschen, meint Susanne Babila in ihrer SWR2-Meinung. Kritik verdiene die Sozialpolitik der Bundesregierung.

Klagen über fehlende Nächstenliebe

Kaum einer, der sich noch nicht empört hätte. Über die Essener Tafel, ihren Chef Jörg Sartor - und die Entscheidung, Lebensmittel nur noch an Bürger mit deutschem Pass auszugeben. Politiker und Medien beklagen fehlende Nächstenliebe, mangelndes Augenmaß und unpassende Lösungen.

Nachdenkliche Worte der Kanzlerin

Die AfD und andere reiben sich dagegen die Hände. Alles wohlfeil und absehbar, außerdem zumeist aus dem Mund von Bürgern mit gutem Einkommen.

Die Kanzlerin hat sich da zuletzt eingereiht mit nachdenklichen Worten: „Dies sei nicht gut, zeige aber auch den Druck, den es gibt.“

Für Lösungen ist die Politik zuständig

Merkel weiter: Sie hoffe auf gute Lösungen, die nicht Gruppen ausschließen. Und jetzt werde ich wütend und zwar nicht auf Jörg Sartor und seine Mitarbeiter, sondern auf die Kanzlerin. Denn für Lösungen sind nicht die Tafeln verantwortlich, sondern die Politik.

Frau Merkel steht seit 13 Jahren an der Spitze der Bundesregierung! Und dort hatte – mit einer kurzen Pause von vier Jahren – die SPD auch viel zu sagen!

Armut wächst trotz sinkender Arbeitslosenzahlen

Der jüngste Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung zeigt deutlich, warum der Druck in Deutschland steigt. Denn die Armut wächst – trotz sinkender Arbeitslosenquote und Wirtschaftswachstum.

13 Millionen Menschen sind davon betroffen, vor allem Kinder, Alleinerziehende, Migranten, Senioren. Menschen, die täglich jeden Cent umdrehen müssen und manchmal nicht wissen, wie sie ihre Heizkosten zahlen sollen.

Verteilungskämpfe an der Tafel

Kein Wunder also, dass die Warteschlangen vor den Tafeln länger und die Verteilungskämpfe härter ausgetragen werden. Am Ende verdrängen die Starken die Schwachen, die Jungen die Alten, Männer Frauen mit Kindern, die ihre Ellbogen nicht so ausfahren können.

So war das schon immer. Zuerst kommt das Fressen und dann die Moral. Auch bei der Essener Tafel. Der Punkt ist: Diesen "Verdrängungswettbewerb" wollte die Politik sehen und erst recht nicht darüber reden - erst recht nicht, seitdem die Konkurrenz durch Migranten noch verschärft wurde. Und genau das wollte Jörg Sartor nicht länger dulden.

Tafeln machen keine Sozialpolitik

Klar: Sartor hätte ein besseres Verfahren wählen können, aber letztlich sitzt das Problem viel tiefer. Denn die Tafeln sind nicht für sozialpolitische Lösungen verantwortlich. Seit 25 Jahren gibt es in Deutschland die Tafel-Einrichtungen.

Menschen, die sich in Vereinen zusammengeschlossen haben, um den Ärmsten zu helfen. Daraus entstand eine Marke – eine Marke der Hilfsbereitschaft. Aber keine soziale Bewegung, die gesellschaftliche Zustände verändern will. Daseinsfürsorge ist eine staatliche Aufgabe und Armutsbekämpfung mehr als das Angebot von billigen Tomaten, Joghurts oder Hühnerschenkeln.

Haushaltsüberschüsse - Kampf um abgelaufene Lebensmittel

Jetzt gilt es Farbe zu bekennen. In einem Land, das schon zum vierten Mal in Folge Milliarden-Überschüsse im Staatshaushalt erzielt, in dem sich aber gleichzeitig Menschen um abgelaufene Lebensmittel streiten.

Das ist keine Frage des Personalausweises, hat mit In- oder Ausländer-Sein letztlich nichts zu tun. Sondern mit gescheiterter Sozialpolitik. Und genau darüber sollten wir jetzt reden.

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