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Nach heftiger Kritik hat sich das Künstlerkollektiv „Zentrum für politische Schönheit“ (ZPS) für sein jüngstes Projekt entschuldigt. Es verhüllte am Mittwoch das Kernstück einer Stahlsäule, die nach Angaben der Gruppe Asche von Opfern der Massenmorde der Nazis enthält. Damit ist es nicht gut, meint Maria Ossowski in ihrem Kommentar: Den Machern scheine noch immer unklar, dass ermordete Juden seien kein Objekt für politische Aktionen sein dürften.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
6:00 Uhr
Sender
SWR2

Es geht nicht nur um religiöse Empfindungen und gestörte Totenruhe

Die Stele mit dem Aschekern in Berlin wird verhüllt und abgebaut. Die Website ist abgeschaltet. Die Verantwortlichen haben sich entschuldigt. Die Aktion des Zentrums für politische Schönheit ist vollkommen verunglückt. Dennoch ist sie ein Lehrstück.

Es darf allerdings bezweifelt werden, dass die Macher oder deren Unterstützer dies begreifen. Es geht nämlich gar nicht allein um religiöse Empfindungen und gestörte Totenruhe. Das ist schlimm genug. Es geht um etwas viel Grundsätzlicheres, wirklich Schmerzhaftes: Es geht um unseren Umgang mit ermordeten Juden als Objekte und politische Instrumente.

Der Holocaust ist zu grauenhaft, um als Argument zu dienen

Im Kern bedeutet das: der Mord an den europäischen Juden ist geschehen und für nichts, aber auch für überhaupt gar nichts gut. Für keine politische Instrumentalisierung, für keine so genannte Kunstaktion. Er war vollkommen sinnlos und wird auf ewig mit Deutschland verbunden bleiben. Damit müssen wir uns abfinden. Er ist auch nicht passiert, damit wir heute mahnen für die Zukunft.

Jedes voller Emphase gerufene oder geschriebene „Nie wieder“ impliziert eine Zukunft, die  deutsche Verbrecher den europäischen Juden genommen hatten. Deren fürchterlicher Tod, darunter der von über anderthalb Millionen Kindern, ist viel zu groß und viel zu grauenhaft, um als Argument gegen Rechtsradikalismus zu dienen.

Nicht mit der Asche von Shoah-Opfern gegen AfD kämpfen

Gegen die AfD kämpfen wir bitte mit demokratischem Werkzeug, politisch und juristisch. Aber nicht mit der Asche von Shoah-Opfern. Sie waren vor 80 Jahren Objekte eines mörderischen Rassenwahns. Ihre Asche ist heute Objekt im Kampf gegen die AfD.

Es gilt, ihnen endlich das Objekthafte zu nehmen und einzugestehen: In jedem „Nie wieder“ Mantra steckt auch die Sehnsucht nach Entlastung, ein gutmenschliches Aufseufzen nach dem Motto „Wir können’s nicht ändern, aber wir erinnern uns wenigstens, damit es nicht noch mal passiert“. Nein. Es ist passiert. Damit müssen wir leben, jeden Tag. Und die Toten müssen wir ruhen lassen.

Shoah nicht ins Endlager der politischen Rituale abschieben

Unser Problem hingegen bleibt: Seit Jahrzehnten haben wir unser Gedenken an die Shoah outgesourct, abgespalten und verdrängt. Das gilt auch für viele Geschichtsbewusste unter uns. Es verschwindet im Endlager der politischen Rituale. Gedenkveranstaltungen mit betroffenen Gesichtern und Reden, Ausstellungen mit Bildern und Texten, das alles ist gut gemeint, professionell betrieben und - nahezu wirkungslos.

Wir brauchen ein anderes Erinnern. Kein leeres, kein ritualisiertes, kein durch Geschmacklosigkeit aufrüttelndes Erinnern. Sondern eines, das weder die Opfer noch ihre Nachfahren zu Instrumenten unserer Tagespolitik und zu Objekten verunglückter Kunstaktionen macht.

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