Baden-Baden Karl Kahn: Odyssee von Schule zu Schule

Stolperstein in der Fürstenbergallee 6

Nach einer bitteren Erfahrung am Gymnasium schickten die Eltern den 15jährigen auf eine englische Schule. Seine geliebte Geige nahm er mit: sie sollte ihm noch mehrfach zum Türöffner werden.

Karl Kahn als Schüler (Foto: (privat) - Karl Kahn)
Karl Kahn zu seiner Schulzeit (privat) - Karl Kahn

Kurzbiografie:

Karl Kahn, einziger Sohn des jüdischen Anwalts Paul Kahn aus Baden-Baden, kam am 28. Juli 1921 zur Welt. Er verbrachte eine sorglose und behütete Kindheit und besuchte später das Gymnasium Baden-Baden. Er musste die bittere Erfahrung machen, dass immer mehr einstige Freunde und Klassenkameraden sich nach 1933 zurückzogen.

Steine fliegen auf dem Schulweg

Der  liberal gesinnte und unerschrockene Direktor Leo Wohleb (späterer Staatspräsident Badens) hingegen ließ sich nicht abhalten, Karl Kahn und einem zweiten jüdischen Schüler, Robert Sack, zum Schuljahresende 1934/35 einen Preis für sehr gute schulische Leistungen zu übergeben. Das hatte Konsequenzen. Die nationalsozialistische Presse hetzte dagegen in der Merkur-Rundschau, einer Beilage des "Führers". Die Mitschüler bewarfen die Preisträger auf dem Nachhauseweg mit Steinen. Für Karl war klar: hier wollte er nicht bleiben.

Beilage des "Führer" in der Merkur Rundschau vom 18.5.1935 zur Schülerpreisvergabe u. A. an den jüdischen Schüler Karl Kahn aus Baden-Baden (Foto: Merkur Rundschau, Stadtarchiv Baden-Baden -)
Beilage des "Führer" 18.5.1935 Merkur Rundschau, Stadtarchiv Baden-Baden -

Odyssee von Schule zu Schule

Es gelang den Eltern eine Schule in Brighton zu finden, die den 15jährigen im Dezember 1937 aufnahm. Bald sollte sich allerdings herausstellen, dass sie wegen ihrer naturwissenschaftlichen Ausrichtung nicht die Richtige für Karl war, der mit Griechisch und Latein an einem humanistischen Gymnasium groß geworden war. Dank englischer Freunde konnte Karl Kahn nach fünf Monaten an eine Schule nach Dover wechseln und dort im Sommer 1938 die Schule abschließen. Ein Studium konnten die Eltern nicht mehr finanzieren, auch wenn sie ihren Sohn gern als Juristen in den Fußstapfen des Vaters gesehen hätten.

Paul Kahn bekam als Rechtsanwalt die Gesetze Hitlers bald zu spüren. Sehr schnell verlor er so viele Klienten, dass er 1935 seine Kanzlei ins heimische Wohnzimmer verlegte und seine Angestellten entließ. Am 10. November 1938 wurde er in das Konzentrationslager Dachau verschleppt. Am Abend dieses Tages erhielt Karl in England einen verzweifelten Anruf der Mutter. Mit der Hilfe von einflussreichen englischen Freunden gelang es dem 17jährigen nach einigen quälenden Tagen des Wartens für seine Eltern Übergangsvisa für England zu besorgen.

Flucht in die USA

Die Kahns hatten Glück im Unglück. 1939 erhielten sie ein Visum für die USA und fanden eine neue Heimat in Dallas. Die dortige jüdische Gemeinde half bei der Suche nach Job und Unterkunft. Paul Kahn, der angesehene Anwalt aus Baden-Baden, startete sein neues Leben als Liftjunge, später wurde er wie sein Sohn Handelsvertreter für Schmuck. Erst Jahre später konnte er wieder an seinen alten Beruf anknüpfen: er beriet Überlebende des Holocaust bei Wiedergutmachungsverfahren. Sohn Karl hingegen reiste weiter durch Texas mit Koffern voller Schmuck im Gepäckfach.

Am 26.11.2014 werden in Baden-Baden Stolpersteine für Karl Kahn und seine Eltern Paul und Gertrud Kahn verlegt.

STAND