Zeitgenossen

Judith Hermann: „Der Erfolg hat mich vorsichtiger gemacht“

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Was eine literarische Karriere! Als 1996 Judith Hermanns erster Erzählband „Sommerhaus, später“ erschien, interessierten sich Publikum und Kritik zunächst kaum für das Buch. Als das Debüt dann von Marcel Reich-Ranicki im Literarischen Quartett ausgiebig gelobt wurde, begann eine erstaunliche Laufbahn: Hermann erhielt zahlreiche Stipendien und viele Auszeichnungen, darunter der Kleist-Preis, der Friedrich-Hölderlin-Preis und zuletzt der Bremer Literaturpreis. Was sich im Rückblick als wunderbare Erfolgsgeschichte liest, war jedoch mit vielen Sorgen verbunden.

Mit Reich-Ranicki durchgestartet

„Als ich hörte, dass Reich-Ranicki mein Debüt besprechen will, war ich sehr beunruhigt. Ich habe mir die Sendung nicht angesehen“, erzählt Hermann. „Ich saß mit Verlagsleuten während der Ausstrahlung des Quartetts in einer Frankfurter Pizzeria, und ich kann mich noch heute an die Pizza erinnern, die serviert wurde, als die gute Nachricht per Telefon kam. Mir verschlug es den Appetit. Aus Überforderung.“

Nach ihrem Erfolgsdebüt, das in viele Sprachen übersetzt wurde und sich zum Referenzwerk weiblichen Schreibens entwickelte, veröffentlichte die in Berlin geborene Autorin zwei weitere Erzählbände und einen Roman.

Neuer Roman, demütiges Glück

Doch die Bücher wurden, jedenfalls vom Feuilleton, eher kritisch aufgenommen. In diesem Jahr kam mit „Daheim“ Hermanns neuer Roman heraus, der nicht nur das Publikum, sondern auch die Kritik begeisterte. Bis heute zeigt sich die Autorin „demütig“, dass ihre Texte überall in der Welt erscheinen. Und noch immer mag sie dem schriftstellerischen Glück nicht so ganz trauen: „Der Erfolg hat mich vorsichtig gemacht, hat zu einem gewissen Rückzug geführt. Mittlerweile aber fühle ich mich freier, gelassener“.

Buchkritik Judith Hermann - Daheim

Mit „Daheim“ hat Judith Hermann einen im literarischen Sinne des Wortes zauberhaften Roman über einen Neuanfang in der ländlichen Provinz vorgelegt.
Rezension von Carsten Otte.
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2021, 190 Seiten, 21 Euro  mehr...

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