Gespräch

Warum linke Intellektuelle zu Antisemitismus schweigen: Mirna Funk über mangelnde Solidarität mit Jüdinnen und Juden

STAND
INTERVIEW

Es gebe eine tiefe Solidarität vieler Linker in Deutschland mit dem palästinensischen Volk — deshalb wundere es sie nicht, dass es insbesondere von linksintellektueller Seite ein großes Schweigen zu den antisemitischen Vorfällen in Deutschland gibt, sagt die Schriftstellerin und Journalistin Mirna Funk in SWR2.

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Nicht das erste Mal

Es habe sich bereits im Wiederaufflammen des Nahost-Konfliktes 2014 gezeigt, als auch jüdische Menschen und Einrichtungen gezielt attackiert wurden. Das sei enttäuschend, aber sie habe da gar keine Erwartungen.

Außerdem fänden die Angriffe auf Synagogen statt, nicht auf Moscheen.
„Und es gibt da eben schon gravierende Unterschiede, was Juden und Jüdinnen im Moment weltweit erleben, und was die andere Seite erlebt an Backlash, der aus diesen Social-Media-Empörungsstürmen wächst. Und das ist eben total gefährlich,“ so Funk.

Forum Unbewältigt und vital – Judenhass in Deutschland

Thomas Ihm diskutiert mit
Eva Gruberová, Autorin und freie Journalistin
Dr. Aref Hajjaj, Vorsitzender Palästina-Forum
Dr. Juliane Wetzel, Zentrum für Antisemitismusforschung  mehr...

SWR2 Forum SWR2

Wenig Empathie in intersektionalen Räumen

Es werde sofort die Verbindung zur Situation in Israel geschlagen, kritisiert die Schriftstellerin. In der antisemitischen Ideologie würden jüdische Menschen immer zu den „Herrschenden“ gemacht, egal wo auf der Welt — die derzeitigen Angriffe spielten dementsprechend keine Rolle.

Aus dieser tief verankerten Vorstellung, dass „der Jude“ als solcher mächtig sei, entstehe das Schweigen zur Lage der Jüdinnen*Juden.

„Mir geht es ausschließlich um das, was Juden und Jüdinnen in den letzten Tagen in Deutschland passiert — und da könnte man sich selbstverständlich aus aktivistischen, linken und intersektionalen Räumen äußern.“ — Mirna Funk

Einseitige Parteinahme auf Social Media ein Problem

Aber insgesamt sei die einseitige Parteinahme, ganz gleich ob für die Palästinenser oder für die Israelis ein großes Problem. „Wenn das gemacht wird, dann entstehen außerhalb von Israel unglaubliche Hasswellen“, sagt Funk. Sie selbst habe in der letzten Woche über einhundert Hassnachrichten bekommen — im Gegensatz zu ihren palästinensischen Freund*innen in Deutschland.

Keine „zwei Seiten“ im Backlash

Außerdem fänden die Angriffe auf Synagogen statt, nicht auf Moscheen. So gebe es gravierende Unterschiede, was Juden und Jüdinnen im Moment weltweit erlebten — und was die andere Seite an Backlash erlebe, der aus diesen Social-Media-Empörungsstürmen entstehe.

„Und es gibt da eben schon gravierende Unterschiede, was Juden und Jüdinnen im Moment weltweit erleben, und was die andere Seite erlebt an Backlash, der aus diesen Social-Media-Empörungsstürmen wächst. Und das ist eben total gefährlich,“ so Funk.

Forum Explosion der Gewalt – Wie gefährlich ist die Lage in Nahost?

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Bettina Marx, Heinrich Böll-Stiftung, Ramallah
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Gespräch Gewalt-Eskalation zwischen Palästinensern und Israelis: Palästinenser brauchen „Mission Gandhi“

Als „erschreckend einseitig“ bezeichnet der Vorsitzende des Palästina Forums Aref Hajjaj die deutschen Reaktionen auf die Gewalteskalation im Nahen Osten. Im Gespräch mit SWR2 sagt der Politologe: „Es wird nur angesprochen von Hamas-Raketen, von den Angriffen auf die Synagogen“. Das seien „dumme, unüberlegte Aktionen von Jugendlichen - die muss man absolut verurteilen“, so Hajjaj. Die Palästinenser brauchten jedoch keine „Mission Che Guevara“, sondern eine „Mission Gandhi“. Die gewalttätigen Zwischenfälle in Deutschland als Antisemitismus zu bezeichnen sei jedoch eine „Verwässerung dieses historisch besetzten Begriffs“, so Hajjaj. Denn das rücke das Kernproblem, nämlich die Frage der durch Israel besetzten Gebiete, in den Hintergrund.
Eigentliche Ursache für die Eskalation der vergangenen Tage sind für Hajjaj die Räumungen von Häusern im Tempelberg-Bezirk von Ostjerusalem und die Blockade von Moscheen zum Ende des islamischen Fastenmonat Ramadan. Hajjaj wörtlich: „Ich habe mich sogar gewundert, dass es nicht zu einer dritten Intifada gekommen ist“. Profiteur der Gewalt sei unter anderen Benjamin Netanjahu: „Er sieht jetzt seine Chance stärker werden, doch wieder Ministerpräsident zu werden“.
Gefragt, welche Lösungsmöglichkeiten er für den Konflikt sehe, antwortet Hajjaj: „Worte allein helfen auf keinen Fall“. Vielmehr brauche es Druck auf Israel durch die USA, das habe auch der ehemalige israelische Botschafter in Deutschland Avi Primor gesagt. Hajjajs pessimistische Prognose: „Allein mit schönen Deklarationen würde sich auch in 100 Jahren nichts ändern im Nahen Osten“.
Aref Hajjaj wurde 1943 in Jaffa/Palästina geboren und hat in Heidelberg Politikwissenschaft, Geschichte und Völkerrecht studiert. Er arbeitete über 20 Jahre für das Auswärtige Amt und für die Deutsche Welle. Er ist Vorsitzender des Deutschen Palästina Forums und betätigt sich als Journalist und Publizist.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Kulturmedienschau Nicht nur importiert - Antisemitismus in Deutschland | 19.5.2021

Der Streit um die Umbenennung der Berliner „Mohrenstraße“ geht in eine neue Runde. Das ist ein Thema heute auf den Kulturseiten der Zeitungen und im Netz. Und es geht - angesichts der jüngsten Eskalationen im Nahost-Konflikt - um Antisemitismus in Deutschland.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Gespräch Antisemitismus ist verbreitet in der Mitte der Gesellschaft

Viele, vorwiegend rechtspopulistische und konservative Politiker beklagen „importierten Antisemitismus“. Dabei müsse man in Deutschland wirklich keinen Antisemitismus importieren, sagt der Journalist und Autor Helmut Zeller, denn „wir haben genug davon.“
Gemeinsam mit Eva Gruberová hat er zahlreiche Interviews mit Jüdinnen und Juden geführt. Beispielsweise berichteten alle Gesprächspartner, dass sie als deutsche Staatsbürger für israelische Politik haftbar gemacht werden: „Am Arbeitsplatz, in der Freizeit, auf Partys, bei jeder Gelegenheit werden sie angesprochen auf israelische Politik, mit der sie aber per se gar nichts zu tun haben“.
Viele Deutsche suchen trotz oder gerade wegen Ausschwitz Schuld am verbreiteten Antisemitismus an den Rändern der Gesellschaft, bei Rechts- und Linksradikalen oder in arabisch-muslimischen Communities. Dabei sei der Antisemitismus nach wie vor in der Mitte der Gesellschaft weit verbreitet, sagt Zeller im Gespräch mit SWR2.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Zeitgenossen Michael Blume: „Antisemitismus ist nicht unbesiegbar!“

Michael Blume ist seit 2018 Antisemitismusbeauftragter des Landes Baden-Württemberg. Der gläubige Christ ist mit einer Muslimin verheiratet, sein Einsatz gegen Judenhass und für den Dialog der Religionen macht ihn immer wieder zur Zielscheibe von Hassattacken im Internet.  mehr...

SWR2 Zeitgenossen SWR2

Stuttgart

Festjahr 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland

Im Jahr 2021 feiert die Bundesrepublik Deutschland das Festjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“. Aus diesem Anlass soll nicht nur gegen das Wiedererstarken des Antisemitismus gekämpft, sondern vor allem auch auf die vielfältigen Lebensrealitäten der Jüdinnen und Juden in Deutschland geblickt werden.  mehr...

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INTERVIEW