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INTERVIEW

In Christchurch, Halle und Hanau waren Einzeltäter am Werk, und oft werden sie isoliert betrachtet. Dabei ist die Häufung inzwischen so hoch, dass es keinen Sinn mehr macht von einzelnen „Geisteskranken“ zu sprechen. Soziologe Armin Nassehi von der LMU München erörtert in SWR2, inwiefern die Gesellschaft selbst diese Täter hervorbringt.

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In der Gesellschaft bereits vorhandene Chiffren

„Das ist natürlich gesellschaftlichen Ursprungs“, meint Armin Nassehi zur Frage nach der Beziehung zwischen rechtsextremen „Einzeltätern“ und der Gesellschaft.

Die Chiffren, mit denen die rechtsextremen Täter ihre Taten begründeten, seien ja alles bereits vorhandene gesellschaftliche Semantiken — die gesamte Liste der Dinge, die ein rechtsradikaler Täter heute im Kopf haben müsse und im Internet lesen könne: Antisemitische, fremdenfeindliche und frauenfeindliche Formulierungen, die die Täter meistens nicht selber erfänden, so Nassehi. „Die nutzen sie aus dem Repertoire der Gesellschaft“, meint der Soziologe.

Diese Formulierungen tauchten unter anderem beim Täter von Hanau, Halle, Anders Breivik oder dem am 28. August zu lebenslanger Haft verurteilten Täter von Christchurch auf.

Früchte des Zorns

„Die Begründungen sind eigentlich immer hierarchische: Die, die eigentlich reden dürfen sollen, können das jetzt nicht mehr und deshalb müssen wir uns den Weg frei schießen“, beschreibt es Nassehi. Diese Menschen passten nicht in die pluralistische Gesellschaft und in die Zeit und würden deshalb in einen pathologische Widerstand dazu gehen. In dieser Auseinandersetzung zeigten sich „Grundkonflikte der Gesellschaft“.

„Das sind Leute, die die gesellschaftliche Ordnung nicht aushalten können und deshalb in dieser Form dagegen opponieren.“

Armin Nassehi, Soziologe

Der Widerstand könne sich nun gegen die eigene Person richten oder in Gewalt gegen die Gesellschaft äußern — während im ersten Fall häufig psychatrisch behandelt wird, stellt der zweite Fall die Frage: Täter*innen bestrafen oder behandeln?

Gespräch Lückenlose Aufklärung ist wichtig: „Initiative 19. Februar“ erinnert an das Attentat von Hanau

„Die Erinnerung soll dazu beitragen, dass das, was passiert ist nicht in Vergessenheit gerät. Es ist wichtig, dass die Gesellschaft wach ist und dafür braucht man Orte und Rituale", sagt Wolfgang Schroeder, Politikwissenschaftler und Rechtsextremismusforscher an der Universität Kassel, in SWR2 am Morgen.  mehr...

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