Kulturmedienschau

Habermas über die Ukraine und mehr Sichtbarkeit von Frauen ab 47 in Film und TV

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AUTOR/IN
Julia Haungs

Der Philosoph Jürgen Habermas plädiert im Ukraine-Krieg für ein abwägendes Vorgehen und wirbt für „vorbeugende Verhandlungen“ mit Putin. Ein Wortbeitrag, der sicher für Diskussionen sorgen wird. Die Initiative „Let‘s change the picture“ setzt sich für mehr Sichtbarkeit und eine interessantere Darstellung von Frauen ab 47 in Film und Fernsehen ein.

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Das Wort von Deutschlands bekanntestem Philosophen hat Gewicht

Wenn sich Deutschlands bekanntester Philosoph zu Wort meldet, hat das Gewicht. Wie schon in seinem letzten Artikel zur Ukraine plädiert Jürgen Habermas in der Süddeutschen Zeitung für abwägendes Vorgehen. Waffenlieferungen an die Ukraine findet der 93-Jährige grundsätzlich verständlich. Aber er weist darauf hin, dass solche Lieferungen den Westen und auch Deutschland in eine Mitverantwortung dafür nehmen, dass der Krieg sich so lange fortsetzt, bis möglicherweise ein Zustand erreicht wird, den die Ukraine als „Sieg“ empfindet.

Eventuell werde es allerdings zu seinem solchen „Sieg“ gar nie kommen – weil Russland nicht im militärischen Sinne geschlagen werde. Das wiederum könnte den Westen in die Zwickmühle bringen. Man könne am Ende vor der ausweglosen Wahl stehen, „entweder aktiv in den Krieg einzugreifen oder, um nicht den ersten Weltkrieg unter nuklear bewaffneten Mächten auszulösen, die Ukraine ihrem Schicksal zu überlassen“. Um dem zu entgehen, wirbt Habermas dafür, „auf energische Versuche zu drängen, Verhandlungen zu beginnen und nach einer Kompromisslösung zu suchen, die der russischen Seite keinen über die Zeit vor dem Kriegsbeginn hinausreichenden territorialen Gewinn beschert und doch ihr Gesicht zu wahren erlaubt“, so Habermas.

Kurt Kister kommentiert ebenfalls in der SZ: „Etliche, die Habermas ungenauer lesen, als er es verdient hat, werden in dem vorliegenden Text möglicherweise so etwas wie „Verständnis“ für Putin sehen. Das steht wirklich nicht in dem Aufsatz, die klaren Sätze über den verbrecherischen Kurs des Regimes Putin belegen dies.“ Kister meint: „Habermas’ Aufsatz ist nicht nur ein Plädoyer für Verhandlungen, die er sich wünscht. Er kann auch als Plädoyer dafür verstanden werden, dass der Westen gerade wegen seiner militärischen und materiellen Unterstützung der Ukraine ein Konzept dafür entwickelt, welche Ziele er jenseits der Schlachtfelder mit seiner sehr aktiven Nichtbeteiligung am Krieg verfolgt.“

Initiative „Let’s change the picture“ fordert mehr Sichtbarkeit von älteren Schauspielerinnen

Unter der Überschrift „Viel mehr als nur Oma und die Blumenfee“ berichtet der Tagesspiegel über die Initiative „Let’s change the picture“, in der sich 22 Schauspielerinnen für ein altersgemäßes Frauenbild in Film und Fernsehen einsetzen.

Sie fordern mehr Sichtbarkeit und Mut. Auf sieben Männer ab fünfzig kommen im deutschen Film und Fernsehen nur drei Frauen, so die Journalistin und Initiatorin Silke Burmester: „Und die kümmern sich. Um Männer, Enkel, Blumen. Sind betrogen, verlassen, asexuell. Sie haben keine Wünsche, außer nach Harmonie.“

Die Kampagne will Aufmerksamkeit für das Thema schaffen und den Druck auf die Verantwortlichen in den Sendeanstalten und in den Produktionsunternehmen erhöhen, mehr und auch interessantere Rollen für Frauen ab 47 zu schreiben.

Auf Zeit Online erzählen die Schauspielerinnen Gesine Cukrowski, Ruth Reinecke und Jasmin Tabatabai im Interview, wie sie mit stereotypen Rollenbildern kämpfen und was sich aus ihrer Sicht ändern muss. Ruth Reinecke sagt: „21 Millionen Frauen, ein Viertel der Gesellschaft, werden nicht abgebildet. Wir als Schauspielerinnen sind Mediatorinnen, wir könnten diverse und interessante Altersbilder sichtbar machen. Aber die fiktionalen Rollenangebote für Frauen in der zweiten Lebenshälfte stimmen alle nicht mehr. Frauen sind nicht mehr nur Ehefrauen, bis sie in die Grube gehen. Wir brauchen Geschichten, die anders erzählt werden, mutiger.“

Literatur Jürgen Habermas: Der demokratische Diskurs muss in Zeiten von Social Media neu gelernt werden

In seinem neuen Buch ist der 93jährige Habermas auch Kapitalismuskritiker, vor allem aber Demokratietheoretiker. Ihm geht es, wie schon vor sechzig Jahren, um die Bedingungen einer deliberativen Politik.

SWR2 am Morgen SWR2

Gespräch Radikaler Universalismus und Strukturwandel der Öffentlichkeit – Sachbücher von Omri Boehm und Jürgen Habermas

Jürgen Habermas ist 93 Jahre alt. Er ist immer noch Deutschlands bekanntester Philosoph. Und Omri Boehm ist gerade Anfang 40, jüdisch-deutscher Philosoph in New York. Beide haben gerade Bücher veröffentlicht, die sich mit Verschwinden des gemeinsamen Fundaments in der Gesellschaft beschäftigen. Wird es in der Gesellschaft weiterhin etwas Verbindendes geben? Und wo sucht man das? In den Werten oder in den Medien?
Debattengespräch mit Konstantin Sakkas
Jürgen Habermas - Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und die deliberative Politik
Suhrkamp Verlag, 108 Seiten, 18 Euro
ISBN 978-3-518-58790-4
Omri Boehm - Radikaler Universalismus
Aus dem Englischen von Michael Adrian
Ullstein Verlag, 176 Seiten, 22 Euro
ISBN 9783549100417

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