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Günter Wallraff: Salman Rushdie hat sich die Angst nie anmerken lassen

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Astrid Tauch
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Wilm Hüffer

Salman Rushdie habe immer versucht, die gegen ihn vom iranischen Ayatollah Chomeini verhängte Fatwa abzuschütteln, erinnert sich der Schriftsteller Günter Wallraff in SWR2. Er habe sein Leben nicht von der ständigen Bedrohung bestimmen lassen wollen. „Wie das in seinem Unterbewussten wirkte, ist eine andere Sache“, so Wallraff. Der bekannte Undercover-Journalist und Schriftsteller ist mit Rushdie befreundet und hatte ihn in den 90er Jahren vorübergehend in seinem Kölner Haus versteckt. Nach der Messerattacke am Freitag in New York kann Rushdie nach Angaben seines Agenten wieder sprechen und wird nicht mehr künstlich beatmet.

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Salman Rushdie wirkte in den USA befreit und sorglos

„Er wirkte nicht bedrückt, er hat es sich zumindest nicht anmerken lassen“, sagt Wallraff im Gespräch mit SWR2. „ein Freund, der diese Bedrohung einfach nicht an sich heranließ.“

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Dass er in Großbritannien schließlich für seinen Schutz bezahlen sollte, sei womöglich ein Grund für die Verlagerung seines Wohnsitzes in die USA gewesen. Während der vergangenen Jahre sei er dort sogar mit der U-Bahn gefahren und habe Personenschutz immer wieder abgelehnt.

Günter Wallraff versteckte Salman Rushdie 1993 in Köln

Der Undercover-Journalist Günter Wallraff hatte Rushdie 1993 vorübergehend in seinem Kölner Haus versteckt. „In dieser Zeit war er unter ganz akuter Gefährdung. Rund um die Uhr wurde er damals geschützt.“ Einige der Personenschützer seien damals sogar als Obdachlose verkleidet gewesen.

Bei einem Essen in Unkel hätten sie die Personenschützer einmal kurz abgeschüttelt, erinnert sich Wallraff. Ein arabischer Kellner habe Rushdie dann angesprochen und ihm geraten, vorsichtiger zu sein.

Mit zum Maskenbildner? Nein, Salman Rushdie wollte das nicht

,Ich könnte mir jetzt die Millionen abholen‘, die damals vom Iran ausgelobt wurden, habe der Kellner gesagt. Wallraff hat Rushdie damals sogar angeboten, ihn mit zu seiner Maskenbildnerin zu nehmen. „Das hat er aber abgelehnt, das wäre eine Preisgabe seiner Identität gewesen.“

Eine kleine „Fehde“ habe zu dieser Freundschaft geführt, erinnert sich Wallraff in SWR2. Der türkische Schriftsteller Aziz Nesin hatte Auszüge aus den „Satanischen Versen“ in der Türkei in einer kleinen Zeitschrift veröffentlicht. Denn, so Wallraff, „in keinem islamischen Land konnte das Buch erscheinen.“

Ein großartiger satirischer Roman sei es, über den er gerne in einer Kölner Moschee diskutiert hätte. Das sei aber nicht möglich gewesen: „Da wurde ich dann selbst bedroht, als ich das vorschlug.“

Fehde mit Aziz Nesin: Wie Salman Rushdie nach Deutschland kam

Salman Rushdie habe die Veröffentlichung in der Türkei nicht so gut gefallen. Er habe befürchtet, dass weitere Menschen in Gefahr geraten könnten. „Ich war mit Aziz Nezin befreundet und habe mir gesagt: ,Die müssen sich kennenlernen‘.“

Er habe beide eingeladen, und da keine Fluggesellschaft Rushdie als Fluggast akzeptiert habe, habe er ihn unter großen Sicherheitsvorkehrungen schließlich mit einer Privatmaschine einfliegen lassen.

Eine Freundschaft über viele Jahre

Auch wenn sich ihre Wege später wieder getrennt hätten, sagt Wallraff, sei damals eine Freundschaft entstanden. Vor ein paar Jahren sei er Rushdie in Dänemark wiederbegegnet. Auch damals habe der berühmte Schriftsteller auf ihn sorglos gewirkt, während die dänischen Veranstalter auf Personenschutz für ihn bestanden hätten.

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