Frauenanteil in Berufsorchestern Deutschlands Klassikszene ist eine Männerdomäne

Interview mit Professor em. Christian Ahrens

In Deutschlands Orchestern gibt es laut einer Studie des Sophie Drinker Instituts zu wenig Frauen. Zudem griffen Mädchen lieber zu typischen „Fraueninstrumenten“ – Geige, Harfe, Holzbläser – anstatt sich an Schlagzeug oder Blechblasinstrumenten zu probieren. Christian Ahrens, emeritierter Professor für Musikwissenschaften an der Universität Bochum, sieht darin ein Erbe der NS-Zeit und fordert ein Umdenken.

Trompete für die Männer, Geige für die Frauen

Schon in jungen Jahren setze sich beim Nachwuchs das Bild fest, dass Männer Trompete spielten und Geige die Frauen. „Das ist eine mittelschwere Katastrophe“, sagt Christian Ahrens.

Um ein Umdenken zu erzielen, müsse man früh ansetzen: „Wenn man im Kindergarten oder in der Schule Instrumente vorstellt, sollte dasselbe Instrument immer von einer Frau und einem Mann vorgestellt werden“, fordert Ahrens.

Geringer Frauenanteil Erbe der NS-Zeit

Über 60 Orchester aus aller Welt - mit Ausnahme Afrikas - hat Christian Ahrens in seiner Studie "Der lange Weg von Musikerinnen in die Berufsorchester, 1807 -2018" ausgewertet. Ausgerechnet Deutschland und Österreich, zwei Länder mit einer langen Orchestertradition, bildeten demnach mit 32 Prozent Frauenanteil international das Schlusslicht. In asiatischen Orchestern gibt es im Schnitt fast 10 Prozent mehr Musikerinnen.

„Ich bin der festen Überzeugung, dass wir hier ein Erbe der NS-Zeit weiterleben, denn in der NS-Zeit war es unerwünscht, dass Frauen in Orchestern musizierten“, sagt Ahrens.

Obwohl es nach dem Krieg einen erheblichen Musikermangel gegeben habe, hätten sich deutsche Orchester gesträubt, Musikerinnen zu fördern: Erst 1982 waren etwa die Berliner Philharmoniker bereit, erstmals eine Frau in ihre Reihen aufzunehmen.

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