Kommentar

Jana aus Kassel fühlt sich wie Sophie Scholl: „Querdenken“-Rednerin sorgt für Entsetzen

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Über Nacht ist die 22-jährige Jana aus Kassel im Netz zur Hassfigur geworden. Die „Querdenken“-Rednerin verglich sich auf einer Demonstration mit der Widerstandskämpferin Sophie Scholl – einfach nur, weil sie seit Monaten im Widerstand gegen die Beschränkungen in der Corona-Pandemie aktiv sei. Indiskutabel sei diese Form, den eigenen Protest als Widerstand gegen ein neues „Drittes Reich“ zu inszenieren, kommentiert Wilm Hüffer in SWR2. Doch Wut und Gegenhass würden die sogenannten Querdenker nicht zur Vernunft bringen – im Gegenteil.

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Es ist absurd: Jana aus Kassel hat nichts zu befürchten

Ja, da kann einem schon das kalte Grausen kommen. Eine Corona-Demonstrantin fühlt sich baren Ernstes wie Sophie Scholl? So schlimm steht es in der vermeintlichen „Merkel-Diktatur“? Kommt morgen also die Polizei, um die Frau abzuholen? Muss sie am Ende um ihr Leben fürchten? Nur zur Erinnerung: Sophie Scholl wurde von den Nazis enthauptet.

Es ist absurd. Nichts hat die 22-jährige Jana zu befürchten. Gar nichts. Sie kann unbehelligt auf offener Bühne solchen Unsinn von sich geben. Das Schlimmste, was ihr in Hannover zugestoßen ist: dass ihr einer der Ordner der Veranstaltung seine Meinung gegeigt hat und nicht länger bereit war, sich für den Schutz einer solchen Veranstaltung herzugeben.

Nein, Du bist keine neue Sophie Scholl

Da ist die selbsterklärte Sophie Scholl gleich heulend von der Bühne gestürmt. Ein klares, hartes Widerwort – schon das war zu viel für sie. Dabei sind solche Widerworte jetzt unerlässlich.

Nein. Du bist keine neue Sophie Scholl. Und ein elfjähriges Mädchen, das seinen Geburtstag wegen der Pandemie nur mit Einschränkungen feiern kann, ist keine neue Anne Frank. Und nein, das neue Infektionsschutzgesetz ist auch kein neues „Ermächtigungsgesetz“.

Geschmacklose Selbstinszenierung der Querdenker und Verquerten

Diese ganze Selbstinszenierung der Querdenker und Verquerten, sie kämpften gegen ein neues Drittes Reich, ist geschmacklos. Sie ist indiskutabel. Sie ignoriert, was die Opfer des Nazi-Terrors tatsächlich erlitten haben.

Es ist deshalb verständlich, wie aufgebracht viele Menschen sind über so viel Selbstmitleid und Selbstbezüglichkeit. Über Nacht ist aus Jana aus Kassel eine neue Hassfigur geworden. In sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter hagelt es Beschimpfungen und Verwünschungen.

Nicht die falsche Selbstwahrnehmung triggern

Das ist nachvollziehbar. Doch darin besteht auch eine Gefahr. Wütende Reaktionen werden die sogenannten Querdenker nicht zur Vernunft bringen. Ganz im Gegenteil. Wut und Hass werden diese Menschen in ihrer absurden Selbstwahrnehmung nur bestätigen. Werden sie in ihrer selbstgerechten Überzeugung bestärken, sie lebten in einer Meinungsdiktatur, in der sie nicht mehr offen reden dürften.

Genau hier beginnen die gefährlichen Mechanismen, die unsere Demokratien bedrohen: Hass erzeugt Gegenhass – und am Ende die Unfähigkeit, sich auseinanderzusetzen. Deshalb: klare Kante gegen alle, die sich wie Sophie Scholl zu fühlen glauben. Aber bitte mit Argumenten. Ohne Schaum vor dem Mund. Ohne Wut, ohne Hass. Denn beides hilft am Ende nur den Demagogen.

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