Kurz-Essay | ARD Themenwoche „Wir gesucht. Was hält uns zusammen?“

Carolin Wiedemann: Für eine Welt jenseits des Patriarchats - Das ,,Wir" des Feminismus

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AUTOR/IN
Carolin Wiedemann

Das selbstsichere „Wir“ des Feminismus der 1970er Jahre geriet schnell ins Wanken. Zu unterschiedlich die Unterdrückungs- und Ausgrenzungserfahrungen von Frauen verschiedener Herkunft, Klassen und Länder. Die Journalistin und Soziologin Carolin Wiedemann über ein neues, feministisches „Wir“.

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Viele Fragen des Feminismus der 1970er sind noch aktuell – und neue sind dazu gekommen

Wer gehört dazu? Ab wann ist man bzw. ein Mensch feministisch? Eine Diskussion, die uns spätestens seit der zweiten Frauenbewegung beschäftigt. Kann eine Hausfrau feministisch sein? Viele Fragen aus den 1970er-Jahren sind noch aktuell – und einige neue sind dazu gekommen.

„Das Private ist politisch“ riefen die Feministinnen vor fünfzig Jahren und waren sich einig: Auch wenn Frauen und Männer rechtlich gleichgestellt sind, ist die Gesellschaft weiter patriarchal organisiert und von Männern dominiert. In den Liebesbeziehungen, am Arbeitsplatz, in den Privathaushalten.

Schluss mit der Unterwerfung, riefen sie den Frauen zu. Wer zu Hause weiter einen Mann bediente, war damit also keine von ihnen, den Feministinnen.

Das selbstsichere „Wir“ der Weißen Frauen geriet ins Wanken

Dieses selbstsichere „Wir“ des Feminismus geriet schnell ins Wanken: Gerade in den USA kritisierten Schwarze Frauen wie Audre Lorde oder bell hooks, dass es vor allem Weiße Frauen waren, die das Patriarchat anprangerten: Weiße Frauen der Oberschicht, die so taten als sprächen sie für alle Frauen. Und die damit außen vor ließen, dass der Kampf gegen Sexismus schwieriger für diejenigen war, die nicht nur die Unterdrückung durch Männer, sondern auch Rassismus und Armut erfuhren.

Das gilt noch heute: Für eine Frau mit Vorstandsposten oder Erbe auf dem Konto ist es leichter, einen gewalttätigen Mann zu verlassen, als für eine Frau aus mittellosen Verhältnissen. Und auch einer Frau, die in unserer Gesellschaft rassifiziert und dadurch diskriminiert wird, bleibt im Schnitt zuhause weniger Kraft, noch mit einem Partner darum zu ringen, wer den Haushalt macht.

Im lauten „Wir“ der zweiten Frauenbewegung waren zu Beginn ebenso kaum Lesben zu hören. Darauf verwies Anfang der 1990er Jahre Judith Butler. Sie kritisierte die „heteronormative Matrix“, also die Annahme einer natürlichen Zweigeschlechtlichkeit, nach der es nur Männer und Frauen gibt und jene beiden Gruppen sich wechselseitig zu begehren haben. Eine Annahme, die auch all die Menschen unterdrückt, die sich weder als Mann noch als Frau identifizieren — und die schließlich Teil der Kritik eines erweiterten Feminismus wurde: des Queerfeminismus.

Die tiefgreifende Kritik des Queerfeminismus

Der Queerfeminismus zeigt auf, dass schon die Einteilung von Menschen in zwei Geschlechtergruppen mit festgelegten körperlichen Eigenschaften patriarchal ist. Er zeigt auf, dass es bei dieser Zweiteilung der Menschen darum geht, ihnen auf Grund körperlicher Merkmale bestimmte Eigenschaften zuzuschreiben, die wiederum die alten Macht- und Ausbeutungsverhältnisse festigen.

Wenn etwa angenommen wird, dass alle Menschen mit Uterus von Natur aus fürsorglich veranlagt seien, müssen sie für Kindererziehung und Hausarbeit nicht bezahlt werden, schließlich entspricht diese Arbeit dann ihrem Naturell. Damit werden die Tätigkeiten genauso entwertet wie die Menschen, denen sie zugeschrieben werden.

Zu uns gehören alle, die gegen das Patriarchat kämpfen

Wenn wir heute nach dem „Wir“ des Feminismus fragen, lautet die solidarische und starke Antwort, die neue queerfeministische Bewegungen geben: Zu uns gehören alle, die gegen das Patriarchat kämpfen. Gegen jene Ordnung, die die Menschen einteilt in zwei schon vor der Geburt zu unterscheidende Gruppen, von denen die eine besser sei als die andere. Eine Ordnung, die Frauen abwertet und alle, die nicht in das Bild der natürlichen Geschlechtsidentität passen, erst recht.

Dieses neue „Wir“ des Feminismus kann Unterschiede in der Betroffenheit anerkennen: Es erkennt, dass trans Menschen besonders mörderischer Gewalt ausgesetzt sind und dass etwa rassistische Unterdrückung die Lage für viele Frauen und Queers schwerer macht als für andere. Und es sieht gleichzeitig die Verbindung, die sich aus der Erfahrung der Abwertung im Patriarchat ergibt.

Auch cis-Männer können für Gerechtigkeit im Geschlechterverhältnis kämpfen

Das „Wir“ des Feminismus umfasst heute auch heterosexuelle cis-Männer als Alliierte. Cis-Männer, die schon bei der Geburt als Jungen galten, also diejenigen, die das Patriarchat am wenigsten einschränkt. Und die trotzdem dagegen aufstehen können. Genauso wie Menschen, die nicht unter Rassismus leiden, gegen Rassismus kämpfen können und sollen, unterstützt auch jeder cis-Mann, der für Gerechtigkeit ist, den feministischen Kampf.

Im „Wir“ des Feminismus kämpfen Frauen und Queers gegen ihre Unterdrückung. Und mit diesem Kampf solidarisieren sich alle, die dafür einstehen, dass alle Menschen einmal gleichermaßen frei sein können, egal welches Geschlecht sie haben.

ARD Themenwoche „Wir gesucht. Was hält uns zusammen?“ Ich, Du, Wir - eine Grammatik der Gemeinschaft

Vom 6.-12. November geht die ARD-Themenwoche auf die Suche nach einem gesellschaftlichen Wir und fragt: „Was hält uns zusammen?“. Anlass für sechs Autorinnen und Autoren in Kurzessays die schöne Fiktion vom „Wir“ kritisch zu befragen. Exklusiv geschrieben für SWR 2 und von den Autorinnen und Autoren selbst eingelesen.

ARD-Themenwoche vom 6. bis 12. November 2022 „Wir gesucht – Was hält uns zusammen?“

Menschen zusammenbringen und Spaltung überwinden – die ARD Themenwoche will einen vielstimmigen Dialog anregen. Gibt es so etwas wie ein „Wir“-Gefühl überhaupt noch, oder driften wir auseinander in Querdenker und Geimpfte, Alt und Jung, Arm und Reich, Trans und Cis, mit und ohne Einwanderungsgeschichte?

Gespräch Erica Fischer: „Der Feminismus hat mich gerettet.“

Die Mitbegründerin des österreichischen Feminismus kämpft seit den 70er Jahren gegen Unterdrückung, Rassismus und Diskriminierung. „Mir wurde bewusst, dass mein Leben geeignet ist, die großen Themen des 20. Jahrhunderts zu illustrieren“ schreibt Erica Fischer in ihrer Autobiografie kurz vor Ihrem 80. Geburtstag.

SWR2 Zeitgenossen SWR2

Gespräch Auf Augenhöhe – Kristina Lunz engagiert sich für Frauenrechte

Kristina Lunz gründete das „Zentrum für feministische Außenpolitik“. Sie kämpft gegen sexistische Darstellung von Frauen in den Medien und setzt sich für Bildungsgerechtigkeit ein.

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Buchkritik Audre Lorde - Zami. Eine neue Schreibweise meines Namens

„Zami“, das meint eine Freundschaft unter Frauen, die sich lieben und zusammenhalten. Genau von solchen Freundschaften erzählt auch Audre Lorde in ihrem Memoir: Sie erzählt ihren Weg vom Mädchen, das ohne ihre dicke Brille so gut wie nichts sieht und selten spricht, hin zu einer unabhängigen Schwarzen lesbischen Frau. Einen Weg, den sie alleine gehen musste, weil sie keine Vorbilder hatte. Daraus wird ein bewegendes und sinnliches Mosaik von Begegnungen mit Frauen, die sich in Lordes Entwicklung einprägen wie „seelische Tattoos“. | Rezension von Kristine Harthauer | Aus dem Englischen von Karen Nölle | Hanser Verlag, 416 Seiten, 26 Euro | ISBN 978-3-446-27406-8

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Buchkritik bell hooks – Männer, Männlichkeit und Liebe. Der Wille zur Veränderung.

Endlich ist dieses Buch aus dem Jahr 2004 übersetzt: Die Amerikanerin bell hooks untersucht, wie das Patriarchat Männer beschädigt, weil sie von frühauf lernen müssen, ihre Gefühle abzuspalten. Nur, wenn Männer ganzheitliche Persönlichkeiten werden, wird sich das Patriarchat wirklich abschaffen lassen. Ein Buch, das nichts von seiner Aktualität verloren hat.
Rezension von Pascal Fischer.
Elisabeth Sandmann Verlag, 200 Seiten, 20 Euro
ISBN 978-3-945543-97-9

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Buchkritik Elinor Cleghorn – Die kranke Frau. Wie Sexismus, Mythen und Fehldiagnosen die Medizin bis heute beeinflussen

Sind Frauen einfach hysterisch, wenn sie sich lautstark beschweren - oder spielen mal wieder ihre Hormone verrückt? Wie solche patriarchalen Mythen die Medizin bis heute prägen, das zeigt die promovierte Kunsthistorikerin Ellinor Cleghorn sehr anschaulich. | Rezension von Judith Reinbold. | Aus dem Englischen von Judith Elze und Anne Emmert | Kiepenheuer & Witsch Verlag, 494 Seiten, 25 Euro | ISBN 978-3-46200-015-3

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