Frauen Fußball Mannschaft Deutschland beim Feiern 2023 (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance/dpa | Sebastian Christoph Gollnow)

Selbstbewusst und nahbar

Medieninszenierung von Frauenfußball: Was die Männer hier lernen können

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Christian Batzlen
Christian Batzlen, Moderator SWR Kultur (Foto: Christian Batzlen)

Die Frauenfußball-WM 2023 in Australien und Neuseeland ist in vollem Gange, begleitet von umfangreicher Berichterstattung und medialer Inszenierung. Auch wenn die Deutsche Frauenmannschaft nun aus dem Turnier ausgeschieden ist, bleibt ein Bild dieses Sports in den Medien, das sich gerade im Vergleich zur Männerabteilung extrem weiterentwickelt und geformt hat. 

Ali Riley (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / The Press)
Auch bei der Frauen-WM waren Regenbogen-Binden verboten. Die neuseeländische Spielerin Ali Riley nutzte kreativ ihre Fingernägel, um die Farben der Trans-Flagge an der einen Hand und die des Regenbogens auf der anderen zu platzieren.

Ein neues Selbstverständnis

Weit entfernt scheint die Zeit, als der Deutsche Fußball-Bund den Gewinnerinnen der EM 1989 ein 41-teiliges Kaffeeservice mit blauen, gelben und roten Blümchen überreicht hatte und trotzdem gilt es, sich davon zu emanzipieren.

Durch die Eigendarstellung auf Plattformen wie Instagram und TikTok können Spielerinnen nun vieles selbst steuern. Auch die äußere Darstellung der Frauen im Fußball hat sich verändert.

Mittlerweile zirkulieren Werbeclips, in denen die Spielerinnen selbstbewusst feiern, dass sie statt Eiern sogar Pferdeschwänze haben. Ein Selbstverständnis und eine Haltung, die so bei der Heim-WM 2011 noch nicht zu spüren war. Damals hieß das Motto der Heim-WM noch: „2011 von seiner schönsten Seite“. Eine Doppeldeutigkeit, die heutzutage befremdlich wirkt.

„Die Berichterstattung zur Frauenfußball-WM 2023 ist sachlich und engagiert. Spielerinnen aus verschiedenen Teams, insbesondere aus dem globalen Süden, erhalten vermehrt Aufmerksamkeit. Die mediale Normalisierung des Events ist bemerkenswert und hebt die Präsenz des Frauenfußballs in den Medien hervor.“ 

Der Podcast „Was geht - was bleibt?“ zum Thema:

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Abkehr von traditionellen Stereotypen

Immer öfter werden Frauenfußballspielerinnen in Dokumentarserien und Berichten persönlich und nahbar dargestellt. Dieser Trend spiegelt auch die Veränderung in der Sportkommunikation und den sozialen Medien wider, wo Privates und Persönliches einen höheren Stellenwert einnehmen.

Die ARD-Doku „Shootingstars – Deutschlands neue Fußballgeneration“ stellt die drei Newcomerinnen Lena Oberdorf, Laura Freigang und Klara Bühl mit ihren Hobbys vor: Häkeln, Hundeliebe und analoge Fotografie. Auch wenn hier die Frage nach der Reproduktion binärer Geschlechterordnungen aufgeworfen werden kann, lässt sich auch eine Abkehr von traditionellen Stereotypen erkennen.

Klara Bühl, Fußballspielerin hält ein Koala-Kuscheltier in den Händen bei der WM 2023 in Australien und Neuseeland  (Foto: IMAGO, IMAGO/Eibner)
Sympathieträgerin: Klara Bühl zeigt sich mit einem gehäkelten Kuscheltier-Koala mit Deutschland-Trikot.

Frauenfußball als Vorreiter im Umgang mit Homosexualität

Es ist festzustellen, dass Männerfußball-Dokumentationen weniger auf zugängliche Hobbys und persönliche Aspekte der Spieler eingehen, während im Frauenfußball diese Art der Berichterstattung häufiger auffindbar ist.

Der Frauenfußball erweist sich außerdem als Vorreiter in Bezug auf Offenheit und den Umgang mit Homosexualität. Treiber dessen ist das US-amerikanische Fußballnationalteam, das mit ihrem politischen und gesellschaftlichen Engagement neue Maßstäbe gesetzt. Die Spielerinnen setzen Zeichen für Vielfalt und Inklusion und tragen so zur Aufweichung von Heteronormativität und Geschlechterstereotypen bei.

Megan Rapinoe (Foto: IMAGO, IMAGO/USA TODAY Network)
Die queere Fußballerin Megan Rapinoe gilt als Ikone und Vorreiterin. Vor einigen Jahren legte sie sich bereits mit dem damaligen US-Präsident Trump an.

Die Wissenschaft spricht in diesem Fall von einer Praxis des Queerings. Es ist ein wichtiges Potenzial, das der Frauenfußball aufweisen kann, wie Sara Doorsoun in der ZDF-Doku „Born for this“ zeigt. Sie spricht dort über die Trennung von ihrer Partnerin.

„Marginalisierung zeigte sich durch fehlende Sichtbarkeit“

Die Aufmerksamkeit für den Frauenfußball hat zugenommen, was auch für die Professionalisierung des Sports förderlich ist. Öffentlich-rechtliche Medien bemühen sich, den Frauenfußball unter sportlichen Gesichtspunkten zu covern und somit zu einer Normalisierung beizutragen.

Auch die allgemeine Berichterstattung über den Frauenfußball hat sich verbessert, jedoch bleibt noch ein langer Weg zu gehen, um die Gleichstellung mit dem Männerfußball zu erreichen.

Stereotypisierungen und Sexualisierung sind immer noch präsent, aber das Potenzial für weitere Entwicklungen ist vorhanden: „Letztlich war der Frauenfußball natürlich durch eine Art Marginalisierung und Trivialisieren geprägt. Die Marginalisierung zeigte sich durch die fehlende Sichtbarkeit. Der Bereich der Trivialisieren wird immer stark verknüpft mit den Themen Sexualisierung, Infantilisierung oder so eine Art Paternalismus. Und ich würde sagen, das ist nicht mehr so deutlich, wie wir es aus der Forschung von früher kennen, aber findet immer noch statt“, sagt Daniel Nölleke, Juniorprofessor am Institut für Kommunikations- und Medienforschung der Deutschen Sporthochschule.

Wer nicht weiß, dass Frauen kicken, sieht keinen Unterschied

Eine neue Studie der Universität Zürich hat kurz vor der WM herausgefunden, dass der Fußball der Frauen genauso attraktiv ist wie der Fußball der Männer. Heißt, dass Fußballspiele der Männer nur dann hochklassiger bewertet werden, wenn die Zuschauenden wissen, dass es sich um Männer handelt.

Wenn die Zuschauenden hingegen keinerlei Kenntnisse über die Akteur*innen oder das Geschlecht haben, unterscheiden sich die Bewertungen der Spielszenen nicht.

Der französische Mobilfunker Orange landete einen Viralhit mit einem Video, bei dem Künstliche Intelligenz die Köpfe von Stars wie Kylian Mbappé und Antoine Griezmann auf die Körper von Spielerinnen setzte und vorgaukelte, dass sie die Tore schossen.

Offenbar spielen Geschlechterklischees und Vorurteile eine signifikante Rolle und es zeigt sich ein möglicher geschlechterbedingter Bias in der Wahrnehmung des Sports.

Der Werbeclip zur Studie:

Laura Freigang zeigt sich in den Sozialen Medien nahbar

Die Inszenierung der Spielerinnen in den sozialen Medien und Dokumentarserien schafft eine Nähe und Identifikationsmöglichkeiten für die Zuschauenden, die es im Profilfußball so nicht gibt.

Gerade die Nachwuchsspielerin Laura Freigang sticht nicht nur auf dem Platz, sondern auf ihren sozialen Profilen mit Lockerheit, Nahbarkeit und Ungezwungenheit hervor.

Laura Freigang (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance/dpa)
Bei der Platzbegehung vor einem Turnier-Spiel scherzte Laura Freigang mit Kolleginnen, machte Fotos und genoss sichtlich die Zeit.

Sie inszeniert etwa auf unterhaltsame Weise ihre Sommerurlaubsmode, sie kommentiert mit aufgemaltem Bart männliche Hater-Kommentare über Frauenfußball oder zeigt sich und ihre Kameradinnen bei einem Spiel, wo sie kaum Länderflaggen erkennen. 

Keine glatt gebügelte PR-Nummer

Ein Bild, das weit von der Überinszenierung ihrer männlichen Kollegen entfernt ist, deren Auftritt oftmals durch die Hände von Berater glatt gebügelt dargestellt werden.

Eine international konforme Inszenierung, die auch auf den meisten Kontinenten, Sprachen und Kulturen funktionieren muss. Ein Shitstorm durch unkontrollierte Meinungsäußerungen könnte in diesem über-professionalisierten Business direkt finanzielle Einbußen bedeuten. 

Alexandra Popp mit Schnurrbart bei einer Pressekonferenz (Foto: IMAGO, IMAGO/Beautiful Sports)
Die DFB Frauen beweisen Humor: Alexandra Popp erschien 2022 kurzerhand mit Schnurrbart zur Pressekonferenz, nachdem man im Internet scherzhaft forderte, sie doch bei den strauchelnden DFB-Herren einzuwechseln.

„Wir brauchen auch die Typen von Sportlern, die ein bisschen anecken, die vielleicht auch mal eine politische Meinung äußern. Das sehen wir bei den Frauen. Bei den Männern hingegen immer weniger, wie man ja auch an der WM in Qatar merkte.“

Die Zukunft des Fußballs könnte weiblich sein

Der Männerfußball könnte hiervon lernen, authentischer, offener und experimentierfreudiger aufzutreten und so neue Zielgruppen anzusprechen und das Identifikationspotenzial zu erhöhen.

Die mediale Inszenierung des Frauenfußballs hat sich in den letzten Jahren positiv entwickelt und hat gezeigt, die Zukunft des Fußballs, sie könnte weiblich sein.

2.7.1989 Deutsche Frauen gewinnen Fußball-EM – Meilenstein für "Damenfußball"

2.7.1989 | Die Welt musste sich in den 1980ern noch an den Frauen-Fußball gewöhnen. Die erste EM gab es 1984, die erste WM sollte erst 1991 stattfinden. Das Bundesdeutsche Team nimmt 1989 zum ersten Mal an der Endrunde teil – und gewinnt gleich das Turnier. Mit dabei sind auch die späteren Bundestrainerinnen Silvia Neid und Martina Voss-Tecklenburg.
Trotz dieses Erfolges gibt es dazu nur sehr wenige Berichte in den ARD-Hörfunkarchiven. Das zeigt den niedrigen Stellenwert, den der "Damenfußball", wie er hieß, damals hatte. Die EM findet in der Bundesrepublik statt, das Finale am 2. Juli in Osnabrück – am Sonntagvormittag. Immerhin wird das Spiel im Fernsehen übertragen.
Wir hören zunächst eine kurze Zusammenfassung nach dem gewonnenen Finale. Anschließend einen Hintergrundbericht von WDR-Sportreporter Alexander Bleick über die Situation des "Damenfußballs". Reich werden die DFB-Spielerinnen jedoch nicht. Ihre Sieg-Prämie: ein Kaffeeservice! Noch am selben Tag beleuchtet WDR-Sportreporter Alexander Bleick in einer Analyse die Situation des Frauenfußballs damals.

Zeitwort 10.11.1982: Deutsche Fußball-Frauen gewinnen ihr erstes Länderspiel

Jahrelang hatte der DFB Frauenfußball verboten. Heute sind die Frauen zweimalige Welt- und achtmalige Europameisterinnen. Sie stehen an zweiter Stelle der FIFA-Weltrangliste.

SWR2 Zeitwort SWR2

Sport Frauenfußball – Eine Emanzipationsgeschichte

Jahrzehntelang hatte der DFB Fußball-Frauen diskriminiert. Dann begann eine imponierende Erfolgsgeschichte. Jetzt ist der Mädchen- und Frauenfußball etwas ins Stocken geraten.

SWR2 Wissen SWR2

Gambia

Leben Gebt alles! Frauenfußball in Gambia

Fußball spielen ist für Frauen in Gambia nicht selbstverständlich. Monika Staab, Fußballpionierin aus Deutschland, will Mädchen helfen, ihre Stärke beim Fußball zu entdecken und mit in den Alltag zu nehmen.

SWR2 Leben SWR2

Gespräch Neue Wege für den Frauenfußball – Chantal Hoppe und ihre Female Football Academy

Als Jugendliche spielte Chantal Hoppe in der zweiten Bundesliga. Mit Anfang 30 hat sie eine Akademie gegründet, die den Sport weiter professionalisieren soll.

SWR2 Tandem SWR2

Was geht - was bleibt? Zeitgeist. Debatten. Kultur. WM23: Was können Männer vom Frauenfußball lernen?

Einiges können die Männerfußballer von Frauenteams abschauen. Die Spielerinnen geben sich in den Medien und auf ihren Profilen im Netz viel nahbarer, offener, persönlicher. Die Überinszenierung der Männer bleibt hier aus. Sei es bei TikTok, wo sie ungezwungen in die Kamera sprechen können oder bei Fernsehdokus, wo sie ihre Hobbys präsentieren oder Tränen über das Ende einer lesbischen Liebesbeziehung nicht zurückgehalten werden. Ist das ein Gegenentwurf zu den männlichen Fußball-Stars, die vor Sportwagen ihre gestählten Körper präsentieren? Oder doch nur wieder ein Geschlechterstereotyp?

Jörg-Uwe Nieland findet, es sei erfrischend und interessant, Fußballprofis mit Ecken und Kanten zu erleben. Der Soziologe und Kommunikationswissenschaftler forscht zur medialen Darstellung des Frauenfußballs und hat zusammen mit Daniela Schaaf das Buch “Die Sexualisierung des Sports in den Medien” herausgebracht. Derzeit schreibt er an einer internationalen Studie, wie sich verschiedene Länderteams inszenieren. “Die Deutschen Spielerinnen sind in der Medienarbeit weit vorne und treten für Diversität ein”, erzählt er in dieser Folge “Was geht, was bleibt”. Und dies ist auch eine große Chance für den Männerfußball.

Solch ein Identifikationspotenzial brächte auch den überinszinierten Männerfußball wieder näher an die Fans. Man brauche Typen, die auch anecken, die auch mal eine politische Meinung äußern. “Was wir derzeit bei den Fußballerinnen in Australien und Neuseeland sehen, ist ein richtiger Schritt, auch in der Selbstvermarktung”, analysiert er.

Unser Podcast-Tipp für diese Woche: “Der KI-Podcast” mit Marie Kilg, Gregor Schmalzried und Fritz Espenlaub. In der riesigen Flut an Informationen und Sorgen, die das Thema betreffen stellen sie sich den großen und den kleinen Fragen, die künstliche Intelligenz betreffen: https://1.ard.de/der_ki_podcast

Wie nehmt ihr den Unterschied in der Wahrnehmung von Spieler und Spielerinnen wahr? Mailt uns, auch mit Feedback und Themenvorschlägen, an kulturpodcast@swr.de!

Hosts: Christian Batzlen
Showrunner: Pia Masurczak

Links: Daniela Schaaf / Jörg-Uwe Nieland. “Die Sexualisierung des Sports in den Medien”
https://www.halem-verlag.de/produkt/die-sexualisierung-des-sports-in-den-medien/