Gespräch

Emanzipierter als im Westen: Wie die Wiedervereinigung die Rechte der DDR-Frauen zurückgestutzt hat

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INTERVIEW
Julian Burmeister

„Ostdeutsche Frauen hatten in der DDR mehr Rechte im Alltag als westdeutsche Frauen", sagt Anna Kaminsky. „Sie waren zu über 90 % berufstätig und hatten ein Recht auf Kinderbetreuung sowie Erleichterung bei der Hausarbeit.“ 32 Jahre nach der Deutschen Einheit wirft die Autorin in SWR2 einen Blick zurück auf die deutsch-deutsche Geschichte der Gleichberechtigung.

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Frauen waren in der DDR wertvolle Arbeitskräfte

Ziel der SED-Frauenpolitik sei aber nicht in erster Linie gewesen, eine gleichberechtigte Politik zu etablieren. Man habe die Frauen schlicht als Arbeitskräfte gebraucht.

Denn nach dem Krieg herrschte in ganz Deutschland Arbeitskräftemangel, zudem waren viele schon früh in den Westen geflohen.

Gravierende Einschnitte bei Frauenrechten nach der Wende

Nach der Wiedervereinigung hat sich die Situation der DDR-Frauen verschlechtert. Während sich für die westdeutschen Frauen die Rechtslage beim Thema Schwangerschaftsabbruch, der seit 1993 straffrei ist, nach der Wende verbesserte, war die Kriminalisierung der Abtreibung für ostdeutsche Frauen ein gravierender Einschnitt in ihre vorher gültigen Rechte.

„Außerdem waren Frauen aus der DDR die ersten, die aus dem Produktionsprozess wieder rausgeworfen worden sind. Und die wollten natürlich nicht wieder zurück an den Herd verbannt werden.“

Das Recht auf Teilzeitarbeit mussten sich DDR-Frauen neu erkämpfen

Gleichzeitig vermissten jene Frauen ein Recht auf Teilzeitarbeit, dass in der DDR selbstverständlich war und erst nach der Jahrtausendwende in der Bundesrepublik eingeführt wurde.

„Mit dieser Einführung hat sich auch das vorherrschende Gesellschaftsbild geändert", sagt Kaminsky, denn ostdeutsche Mütter, die ihre Kinder betreuen ließen, wurden von den Westdeutschen oft als Rabenmütter angesehen.

Anna Kaminsky, geboren in Gera, aufgewachsen in Dessau und Halle, studierte Sprachwissenschaft in Leipzig und arbeitete als Übersetzerin und Kuratorin. Sie leitet seit 2001 die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

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