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Historikerin Eva Schlotheuber: „Klagen der Hohenzollern formen die Debatte“

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„Ich glaube schon, dass die Debatte durch das viele juristische Vorgehen geformt worden ist“, sagt Eva Schlotheuber, Vorsitzende des Historikerverbands Deutschland, im Hinblick auf Rechtsstreitigkeiten des Hauses Hohenzollern mit vielen Journalist*innen und Historiker*innen. Die Dokumentation „Die Klagen der Hohenzollern“ wird nun dazu online gestellt.

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Die Hohenzollern — ein klagefreudiges Adelshaus

Rund 70 mal ist Georg Friedrich, Prinz von Preußen, in den letzten Jahren gegen Journalist*innen, Politiker*innen und Historiker*innen juristisch vorgegangen, hat die am Projekt beteiligte Rechtswissenschaftlerin Sophie Schönberger gezählt.

„Die Klagen der Hohenzollern“, die auf einer Webseite online verfügbare Dokumentation dieser juristischen Vorgänge, solle nun deutlich machen, so Eva Schlotheuber, was genau hinter den Klagen stehe und was damit beabsichtigt werden solle. Es werde konkret dokumentiert und belegt, um welche Streitgegenstände es sich handele, was inkriminiert worden sei und welche Klagen weiterverfolgt worden seien und welche nicht.

So berichtet die Presse über das Projekt:

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Klagestrategie zur Einschüchterung?

Oftmals, so Schlotheuber, handele es sich dabei nämlich um „Petitessen“ — kleine, falsche Tatsachenbehauptungen würden in Texten angegriffen, wenn etwa vom „Launch“ einer Homepage, anstelle vom „Relaunch“ die Rede sei.

Fraglich sei in solchen Fällen natürlich, ob der Urenkel des Kaisers tatsächlich durch ein solches, falsches Wort in seinen Persönlichkeitsrechten angegriffen werde — und warum auf Unterlassungsklagen mit hohen Ordnungssummen zurückgegriffen werde. Solche Unterlassungsforderungen seien eine erhebliche Belastung für freie Journalist*innen und kleine Medienhäuser.

Der Ur-Urenkel des Mannes, der den Ersten Weltkrieg mit Leid und Tod für Millionen begonnen hat. (Foto: imago images, IMAGO / Thomas Frey)
Georg Friedrich von Preußen, der Ur-Urenkel des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II., hier bei einer Veranstaltung in Rheinland-Pfalz, wo er auf seine Besitzansprüche für die Burg Rheinfels bei St. Goar verzichtet. IMAGO / Thomas Frey

Debatte um Rückgabe von Kunstgütern findet nun öffentlich statt

„Die Bereitschaft Wissenschaftskommunikation zu betreiben, wird dadurch erschwert“, kritisiert die Historikerin. Mit der Quellensammlung will der Verband nun eine Debatte über das Einschüchterungspotential juristischen Vorgehens in öffentlichen Debatten anregen.

Die Häufung der Klagen, sagt Eva Schlotheuber, habe allerdings auch dazu geführt, dass sich die Debatte um eine mögliche Restitution von Gütern an die Hohenzollern intensiviert habe. Einem breiten Publikum wurden die Forderungen der Hohenzollern-Familie an den deutschen Staat erst durch Jan Böhmermanns Sendung bekannt.

Gesellschaftliches Selbstverständnis diskutieren

Im Sinne einer fundierten und auf Argumente gestützen Debatte habe man nun für das Projekt „Die Klagen der Hohenzollern“ die Ereignisse seit 2019 gesammelt, um sie auf Basis der Quellendokumente verständlich zu machen, erklärt Schlotheuber.

Besonders wichtig sei, dass es sich hierbei auch um einen kollektiven Erfahrungsschatz der Gesellschaft mit öffentlich einsehbaren Quellen handele, so die Historikerin: „Im Moment diskutieren wir sozusagen die moderne Demokratie, auch wie sie sich weiterentwickeln kann — anhand der großen Brüche, die im 20. Jahrhundert stattgefunden haben.“

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