Aktion T4 Krankenmord im Nationalsozialismus

Sechs "Pflege- und Heilanstalten" – eine davon Grafeneck – wurden im NS-Staat zu Orten, an denen der systematisch betriebene Massenmord erstmals stattfand. Die Mordaktion wurde von den Nazis als "Euthanasie", gleichbedeutend mit "Guter Tod", umschrieben. Ihr fielen insgesamt ca. 200.000 Menschen zum Opfer.

Grauer Bus vor Gebäude (Foto: Gedenkstätte Grafeneck -)
Mit anfangs rot, später grau lackierten Bussen wurden die Kranken und Behinderten abgeholt Gedenkstätte Grafeneck -

Am 14. Juli 1933

wird das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" verabschiedet, das ab 1.1.1934 in Kraft tritt. Ohne Einwilligung der Betroffenen sollen "Wahnsinnige", Schizophrene, Manisch-Depressive, Epileptiker, Personen bei denen Blindheit, Taubheit,  Kleinwüchsigkeit, spastische Lähmungen, Muskeldystrophie, Missbildungen an Fingern, Füßen und Hüften als erblich diagnostiziert worden sind, und Personen, denen schwerer Alkoholismus angelastet wird, von Ärzten und anderen Angehörigen medizinischer Berufe gemeldet und nach Entscheidung eines Erbgesundheitgerichts sterilisiert werden.

18.08.1939

Erlass zur Erfassung behinderter Kinder

21.09.1939

Erfassung der Heil- und Pflegeanstalten, die ersten Tötungen von mehreren tausend Patienten in Westpreußen.

Oktober 1939

Hitler unterschreibt die "Euthanasie"-Ermächtigung und datiert sie auf den Kriegsbeginn (01.09.39) zurück; die vorbereitete "Aktion T4" läuft an.

Oktober - Dezember 1939

Überall im Land werden Kinder und erwachsene Patienten erfasst und getötet

Dezember 1939 - Juni 1940

Gaswagen werden eingesetzt, die Tötungsanstalten Brandenburg, Grafeneck, Hartheim und Sonnenstein eingerichtet

Juli 1940

Jüdische Geisteskranke werden nun gesondert gesammelt und die ersten in Brandenburg getötet; später werden jüdische Patienten in der Heil- und Pflegeanstalt Bandorf-Sayn konzentriert.

Juli/August 1940 bis August 1941

Etliche Geistliche und der Mediziner Sauerbruch protestieren gegen den Krankenmord; die Bischofskonferenz verbietet den kirchlichen Mitarbeitern, aktiv beim Abtransport mitzuwirken; Kirchen verhandeln, auf welchen Personenkreis "Euthanasie" begrenzt werden soll; parallel werden die Tötungsanstalten umorganisiert: Bernburg löst Brandenburg ab, Hadamar löst Grafeneck ab.

24.8.1941

Offizieller Stopp der "Euthanasie" aus außen- und innenpolitischen Gründen, Hadamar beendet Vergasungen, doch Tötungen gehen als Aktion "14 f 13" weiter, vorzugsweise nun durch Medikamente bzw. Hunger (z. B. Tiegenhof und Meseritz-Obrawalde 16 000 Tote)

November 1941-Juli 1942

Das im Massenmord geschulte Personal der Tötungsanstalten wird in die Vernichtungslager Belzec, Sobibór oder Treblinka versetzt.

Frühjahr bis Herbst 1942

Die jüdischen Geisteskranken aus Berlin und Bendorf-Sayn werden den systematischen Deportationen angeschlossen; alle Psychiatriepatienten müssen angemeldet werden.

1943

Massenverlegung Kranker in die Ostgebiete und nach Österreich zur Tötung.

27.4.1943

"14 f 13" wird beendet, die potentiell Betroffenen sollen stattdessen zur Arbeit eingesetzt werden; Ärzte bekommen weiter Einzelerlaubnis zur Tötung von Kranken.

April 1944

Zweite Phase von "14 f 13" beginnt, bis März/April 1945 werden Kranke getötet

Reichsweit wurden mehr als 150.000 deutsche Patienten getötet, die Zahl derer aus den besetzten Ostgebieten ist nicht bekannt.

zwei Busse stehen für den Transport bereit (Foto: Bildarchiv Gedenkstätte Grafeneck -)
Die Busse stehen bereit: Kranke und Behinderte werden abgeholt Bildarchiv Gedenkstätte Grafeneck -

 

Von Beate Meyer //


Zeittafel zusammengestellt nach: Ernst Klee, "Euthanasie" im NS-Staat. Die "Vernichtung lebensunwerten Lebens", Frankfurt/M. 1983; Henry Friedlander, Der Weg zum NS-Genozid. Von der Endlösung, Berlin 1997; Klaus Böhme/Uwe Lohalm (Hrsg.), Wege in den Tod. Hamburgs Anstalt Langenhorn und die Euthanasie in der Zeit den Nationalsozialismus, Hamburg 1993.

Zeittafel aus:
Susanne Lohmeyer: Stolpersteine in Hamburg-Eimsbüttel und Hamburg-Hoheluft-West. Biographische Spurensuche. Herausgegeben von Dr. Rita Bake und Dr. Beate Meyer, Landeszentrale für politische Bildung Hamburg, Hamburg 2012 Bd2, S. 588f

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Eckdaten "Euthanasie"

++ T-4 Aktion ist eine Bezeichnung für die systematische und zentral organisierte Ermordung von mehr als 100.000 Psychiatrie-Patienten und Behinderten durch Ärzte, Pflegekräfte und Verwaltungsbeamte von 1940 bis 1941.

++ Namensgebend für die T-4 Aktion war die Berliner Bürozentrale, eine Villa in der Tiergartenstr.4. Dort befand sich die Zentrale für die Ermordung behinderter Menschen im gesamten Deutschen Reich.

++ Hitlers „Ermächtigung zur Gewährung des Gnadentodes für unheilbar Kranke“ wurde auf den 1. Sept. 1939 (Kriegsbeginn) rückdatiert, um die Bevölkerung von der kriegswirtschaftlichen Bedeutung der Euthanasie("Ballastexistenzen") zu überzeugen.

++ Verschiedene Tarnorganisationen wurden geschaffen, z.B. die Gekrat = gemeinnützige Krankentransport Gmbh, die mit den sog. grauen Bussen die Transporte in die Tötungsanstalten durchführten.

++ Die Erfassung der Behinderten begann im Oktober 1939 mit der Versendung von Meldebögen an die psychiatrischen Anstalten.

++ 6 Tötungsanstalten wurden eingerichtet: Brandenburg (an der Havel), Bernburg (an der Saale), Hartheim (bei Linz), Sonnenstein (bei Pirna), Hadamar (in Hessen) und Grafeneck (auf der schwäbischen Alb). Über 70.000 Menschen wurden ermordet.

++ Allein in Grafeneck, wohin die meisten Insassen der Heil-und Pflegeanstalt Reichenau deportiert wurden, wurden 10.654 Menschen ermordet.

++ In einer als Duschraum getarnten Gaskammer wurden durch Einleiten von Kohlenmonoxid die Tötungen durchgeführt. Die Leichen wurden in einem dafür erbauten Krematorium verbrannt. (Dieses Mordverfahren wurde dann für die industrielle Ermordung in den Vernichtungslagern wie z.B. Auschwitz-Birkenau übernommen)

++ In den 6 Tötungsanstalten wurden Standesämter eingerichtet. Dort wurden Todesursache, Tag u. Ort gefälscht, Akten untereinander ausgetauscht, um Nachforschungen von Angehörigen zu erschweren oder unmöglich zu machen. Nur auf Nachfrage wurden Urnen, die jedoch sicher nicht die Asche des/der Ermordeten enthielten, an Hinterbliebene verschickt.

++ Auch nach der offiziellen Beendigung der T-4 Aktion im August 1941 ging die "wilde Euthanasie" dezentral weiter, der nochmals ca. 30.000 Menschen zum Opfer fielen.

++ Bei der Mehrzahl der Recherchen der Euthanasieopfer konnten keine Verwandten oder Nachkommen ermittelt werden, so dass Biographien oft nur bruchstückhaft sind.

Von Roland Didra //

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