Offenburg Esther Cohn: Die letzte Karte

Stolperstein in der Wilhelm Str. 15

Schulalltag nach dem Novemberpogrom 1938: Das bedeutete für viele jüdische Kinder lange Fahrten in eine größere Stadt zur nächsten jüdischen Schule. Für behinderte Kinder wie Esther Cohn eine besonders schwierige Situation. Schließlich fand sie einen Platz in einem jüdischen Kinderheim in München. Für die 13-Jährige, die plötzlich auf sich allein gestellt war, wurde das Tagebuch zum ständigen Begleiter.

Kurzbiografie:

Esther Cohn (*18.9.1926) wohnte mit den jüngeren Schwestern Myriam und Eva und ihren Eltern, der Dichterin Sylvia Cohn und dem Kaufmann Eduard Cohn, in Offenburg. Im Alter von fünf Jahren erkrankte sie an Kinderlähmung. Als jüdischen Kindern der Besuch öffentlicher Schulen ab dem 15.11.1938 verboten wurde, gab die Mutter ihre behinderte Tochter in ein jüdisches Kinderheim: Esther lebte seit Dezember 1939 im Antonienheim in München und besuchte dort die Israelitische Volksschule.

Im Mai 1939 war dem Vater die Emigration nach England gelungen. Er versuchte seine Familie nachzuholen, doch der Kriegsausbruch kam ihm zuvor. Esthers Mutter und Geschwister wurden am 22.10.1940 aus Offenburg nach Gurs in Vichyfrankreich deportiert. 1942 kam Esther nach Theresienstadt. Sie war gerade 18 Jahre alt geworden, als sie von dort aus am 16. Oktober 1944 nach Auschwitz verschleppt wurde.

Bilder – Erinnerungen zum Festhalten

In Theresienstadt werden die Familienfotos für Esther zur inneren Heimat: "Ich habe meine Bilder bei mir und schaue sie immer an, das weckt so schöne Erinnerungen an zu Hause."

Tagebucheinträge von Esther, Gedichte ihrer Mutter und Erinnerungen der Schwester Eva Mendelsson erzählen Geschichten zu den Fotos aus dem kurzen Leben der Esther Cohn:

Dauer

Buchtipp:

Martin Ruch: Inzwischen sind wir nun besternt worden
Das Tagebuch der Esther Cohn (1926-1944) und die Kinder vom Münchner Antonienheim
Norderstedt 2006

"Heute so und morgen so"

Es sind die Aufzeichnungen eines sensiblen jungen Mädchens: Esther erzählt vom Leben im Kinderheim, von ersten Liebschaften und immer mehr wird auch die bedrückende Außenwelt zum Thema. An Chanukka im Dezember 1939 schenkte ihr die Mutter ein Tagebuch. Lesen Sie hier Auszüge aus ihrem Tagebuch, das Esther von 1939 bis 1942 führte.

Chanukka 1939 - Esther beginnt ihr Tagebuch mit einem Gedicht:

Heute so und Morgen so,
Lustig, traurig, fromm und froh.
Was ich denke, fühl und tu,
Trag ich Dir, mein Büchlein zu.

Wird's auch noch ein graus Gericht,
Machst mir drum kein bös Gesicht,
Denn Du weißt es, mit der Zeit
Wird ein Mädel erst gescheit.

30.5.1940

Die Zeit vergeht rasend. Seit ich das letzte Mal einschrieb, habe ich schon so viel Angst ausgestanden wie noch nie in meinem Leben. Bombenangriff auf die offene Stadt Freiburg, las ich eines Samstagmorgens in der Zeitung. Sofort telegrafierte ich und war glückselig, als ich Sonntag früh Antwort bekam. Myri und Evi sind in Offenburg, da in F. die Schulen geschlossen sind. Das ist doch eine große Beruhigung für mich. Der Krieg ist entsetzlich. Er reißt eine Familie so weit auseinander.

(Anm. der Redaktion: Esthers Geschwister Eva und Myriam mussten nach der Schließung der öffentlichen Schulen für jüdische Kinder in Freiburg zur jüdischen Schule gehen und wohnten dort unter der Woche bei jüdischen Familien)

Heute ist wieder Freitag und ich liege wieder einmal im Bett. Ich möchte so gern heim zu Mutti, obwohl es mir hier gut gefällt. Besonders Frl. Sommer ist so goldig.
Letzten Samstagabend waren wir am Kleinhesseloher See mit einer Klassenkameradin rudern. Das war sauber. Viele Jungens und Soldaten haben uns angeredet, mit „Sie" sogar. In einer Großstadt ist es halt ganz anders als in einer kleinen Stadt.

"Heute so und morgen so"

30.6.1940

Nun sind wir doch schon im Sommer und immer gibt es noch solch kalte und unfreundliche Tage. Der Tag meiner Ferienreise nach Hause rückt immer näher, und ich bin schon ganz närrisch vor Freude und Erwartung. Wie schön wird das doch werden, abends nach dem Essen mit meiner goldigen und so gescheiten Mutti sich auszusprechen. Wie viel habe ich ihr doch zu erzählen.

(...)

Aber noch eines habe ich mir vorgenommen: Wenn ich nach Hause komme nicht zu streiten. Ich gebe ja zu, oft Schuld daran gehabt zu haben. Aber auch oft war ich es nicht.
Aber jetzt schon nehme ich es mir ganz fest vor, das meinige zu tun um Ruhe zu halten. Also auf Wiedersehen, bis zum nächsten Male.

24.7.1940

Nun bin ich zu Hause, welch herrliches Gefühl ist das doch. Am Bahnhof wurde ich natürlich von meinen Lieben abgeholt, und von der ganzen jüdischen Jugend ebenfalls.
In München kam mein süßer Harald noch zur Bahn und brachte mir eine Schachtel Gebäck.

3.11.1940

(Anm. der Redaktion: Am 22. Oktober 1940 werden etwa 6500 Juden aus Baden und der Pfalz zusammengetrieben und in das unbesetzte Frankreich abgeschoben.
Auch die Mutter Esthers und die beiden Schwestern Eva und Myriam sind unter den Deportierten.)

Oh, Furchtbares ist in der Zwischenzeit geschehen. Alle Juden aus Baden sind fort gekommen und zwar am 22. Oktober. Es ist ganz schrecklich, einfach unglaublich.
Es ist jetzt schon fast 14 Tage und ich habe immer noch keine Adresse. Ich kann dies Leben jetzt bald nimmer aushalten! Viele Leute schrieben mir, aber was hilft es mir denn?

Wann werde ich meine süße Mutsch und meine Geschwister wieder sehen? Werde ich es überhaupt nochmals? Oh, Lieber Gott, gib doch, dass wir bald wieder
zusammenkommen, oder falls es nicht sein soll, dann mache doch meinem armen Leben ein Ende. Was habe ich denn davon, wenn ich niemanden mehr habe?
Oh, dass ich doch nie geboren wäre, um solches Elend zu erleben!
(...) Hoffentlich bekomme ich bald ein Lebenszeichen von meinen Lieben, die wahrscheinlich in Südfrankreich jetzt weilen müssen.

Lieber Gott, behüte und beschütze meine einzigen Menschen, die ich liebe, gib ihnen satt zu essen und ein Bett zu schlafen.
Bei jedem Bissen, den ich zu mir nehme, denke ich, hat denn mein Mutterle auch was zu essen? Oh, wie grausig ist doch das Schicksal! Lieber Gott, führe mich bald wieder mit ihnen zusammen. So allein kann und werde ich nicht leben. Oh Mutti, warum haben wir uns in den Ferien nicht besser verstanden? Jetzt wo ich dich so nötig habe!!!

21.7.1941

Ich bin heute wieder mal so voll und kann Dir ja gar nicht alles erzählen.

(...)
Mein süßer Harald wird immer noch goldiger. Eigentlich ist es doch furchtbar komisch, dass ich ihn so schrecklich gern leiden mag. Er wird am 30. erst 13 Jahre. Zu seiner Bar-mizwa am 9. August wünscht er sich ein großes, schönes Bild von mir. (...) Und dass Harry mich so gerne mag, ist mir noch viel unbegreiflicher. Was hat er schon an mir? Wenn wir auch oft zusammen weggehen, so kann ich doch nie richtig weit gehen. Und wie die anderen immer zusammen baden gehen, das kann und will ich auch nicht. Aber es muss mir ja schließlich genügen: Er hat Dich lieb und das Wieso und Warum muss eben untertauchen und unbeantwortet aus Deinem Kopf wieder heraus.
(...) Was wird wohl mein Muttimaimaile zu all dem einst sagen? Jetzt muss ich aufstehen, drum auf Wiedersehen.

21.10.1941

Inzwischen sind wir nun besternt (am 19.9.) worden und es ist gar nicht schlimm, im Gegenteil, die Leute sind sehr, sehr nett.

Das zweite Gesetz, das nur örtlich ist, ist viel schlimmer. (Anm. der Redaktion: insbesondere für Esther als Gehbehinderte) Wir dürfen nicht mehr in der Trambahn fahren, dabei spart man aber viel Geld.

4.12.1941

Inzwischen ist wieder so viel geschehen und die sechs Wochen kommen mir wie sechs Monate vor. 21 Kinder aus unserem Heim wurden mit den vielen anderen Münchnern evakuiert. Das war am 20. November und wir haben bis heute noch kein Lebenszeichen von ihnen bekommen, doch vermuten wir sie in Riga.

(Anm. der Redaktion: Sie wurden alle nach der Ankunft in Kaunas ermordet)

(...)

Heute bekam ich meine Schuhe und sah jetzt erst, wie furchtbar der Schuh über der Schiene aussieht. (...) Ich weiß ganz genau, dass sich der Fuß nicht mehr ändert. Und gerade heute bin ich so maßlos unglücklich darüber.
Natürlich kommt dabei alles zusammen. Ich denke so oft darüber nach, warum der liebe Gott gerade mir so viel Schweres geschickt hat. Damals kann ich doch noch nicht so ungezogen gewesen sein, dass ich das alles verdient habe.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Martin Ruch

Abgedruckt ist das ganze Tagebuch in
Martin Ruch: "Inzwischen sind wir besternt worden"
Das Tagebuch der Esther Cohn (1926-1944) und die Kinder vom Münchner Antonienheim.
Norderstedt 2006
Darin auch viele weiterführende Informationen zur Biografie der Esther Cohn sowie zum jüdischen Kinderheim in München.

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