Offenburg "Heute so und morgen so"

Stolperstein in der Wilhelm Str. 15

Schulalltag nach dem Novemberpogrom 1938: Das bedeutete für viele jüdische Kinder lange Fahrten in eine größere Stadt zur nächsten jüdischen Schule. Für behinderte Kinder wie Esther Cohn eine besonders schwierige Situation. Schließlich fand sie einen Platz in einem jüdischen Kinderheim in München. Für die 13-Jährige, die plötzlich auf sich allein gestellt war, wurde das Tagebuch zum ständigen Begleiter.

30.6.1940

Nun sind wir doch schon im Sommer und immer gibt es noch solch kalte und unfreundliche Tage. Der Tag meiner Ferienreise nach Hause rückt immer näher, und ich bin schon ganz närrisch vor Freude und Erwartung. Wie schön wird das doch werden, abends nach dem Essen mit meiner goldigen und so gescheiten Mutti sich auszusprechen. Wie viel habe ich ihr doch zu erzählen.

(...)

Aber noch eines habe ich mir vorgenommen: Wenn ich nach Hause komme nicht zu streiten. Ich gebe ja zu, oft Schuld daran gehabt zu haben. Aber auch oft war ich es nicht.
Aber jetzt schon nehme ich es mir ganz fest vor, das meinige zu tun um Ruhe zu halten. Also auf Wiedersehen, bis zum nächsten Male.

24.7.1940

Nun bin ich zu Hause, welch herrliches Gefühl ist das doch. Am Bahnhof wurde ich natürlich von meinen Lieben abgeholt, und von der ganzen jüdischen Jugend ebenfalls.
In München kam mein süßer Harald noch zur Bahn und brachte mir eine Schachtel Gebäck.

3.11.1940

(Anm. der Redaktion: Am 22. Oktober 1940 werden etwa 6500 Juden aus Baden und der Pfalz zusammengetrieben und in das unbesetzte Frankreich abgeschoben.
Auch die Mutter Esthers und die beiden Schwestern Eva und Myriam sind unter den Deportierten.)

Oh, Furchtbares ist in der Zwischenzeit geschehen. Alle Juden aus Baden sind fort gekommen und zwar am 22. Oktober. Es ist ganz schrecklich, einfach unglaublich.
Es ist jetzt schon fast 14 Tage und ich habe immer noch keine Adresse. Ich kann dies Leben jetzt bald nimmer aushalten! Viele Leute schrieben mir, aber was hilft es mir denn?

Wann werde ich meine süße Mutsch und meine Geschwister wieder sehen? Werde ich es überhaupt nochmals? Oh, Lieber Gott, gib doch, dass wir bald wieder
zusammenkommen, oder falls es nicht sein soll, dann mache doch meinem armen Leben ein Ende. Was habe ich denn davon, wenn ich niemanden mehr habe?
Oh, dass ich doch nie geboren wäre, um solches Elend zu erleben!
(...) Hoffentlich bekomme ich bald ein Lebenszeichen von meinen Lieben, die wahrscheinlich in Südfrankreich jetzt weilen müssen.

Lieber Gott, behüte und beschütze meine einzigen Menschen, die ich liebe, gib ihnen satt zu essen und ein Bett zu schlafen.
Bei jedem Bissen, den ich zu mir nehme, denke ich, hat denn mein Mutterle auch was zu essen? Oh, wie grausig ist doch das Schicksal! Lieber Gott, führe mich bald wieder mit ihnen zusammen. So allein kann und werde ich nicht leben. Oh Mutti, warum haben wir uns in den Ferien nicht besser verstanden? Jetzt wo ich dich so nötig habe!!!

21.7.1941

Ich bin heute wieder mal so voll und kann Dir ja gar nicht alles erzählen.

(...)
Mein süßer Harald wird immer noch goldiger. Eigentlich ist es doch furchtbar komisch, dass ich ihn so schrecklich gern leiden mag. Er wird am 30. erst 13 Jahre. Zu seiner Bar-mizwa am 9. August wünscht er sich ein großes, schönes Bild von mir. (...) Und dass Harry mich so gerne mag, ist mir noch viel unbegreiflicher. Was hat er schon an mir? Wenn wir auch oft zusammen weggehen, so kann ich doch nie richtig weit gehen. Und wie die anderen immer zusammen baden gehen, das kann und will ich auch nicht. Aber es muss mir ja schließlich genügen: Er hat Dich lieb und das Wieso und Warum muss eben untertauchen und unbeantwortet aus Deinem Kopf wieder heraus.
(...) Was wird wohl mein Muttimaimaile zu all dem einst sagen? Jetzt muss ich aufstehen, drum auf Wiedersehen.

21.10.1941

Inzwischen sind wir nun besternt (am 19.9.) worden und es ist gar nicht schlimm, im Gegenteil, die Leute sind sehr, sehr nett.

Das zweite Gesetz, das nur örtlich ist, ist viel schlimmer. (Anm. der Redaktion: insbesondere für Esther als Gehbehinderte) Wir dürfen nicht mehr in der Trambahn fahren, dabei spart man aber viel Geld.

4.12.1941

Inzwischen ist wieder so viel geschehen und die sechs Wochen kommen mir wie sechs Monate vor. 21 Kinder aus unserem Heim wurden mit den vielen anderen Münchnern evakuiert. Das war am 20. November und wir haben bis heute noch kein Lebenszeichen von ihnen bekommen, doch vermuten wir sie in Riga.

(Anm. der Redaktion: Sie wurden alle nach der Ankunft in Kaunas ermordet)

(...)

Heute bekam ich meine Schuhe und sah jetzt erst, wie furchtbar der Schuh über der Schiene aussieht. (...) Ich weiß ganz genau, dass sich der Fuß nicht mehr ändert. Und gerade heute bin ich so maßlos unglücklich darüber.
Natürlich kommt dabei alles zusammen. Ich denke so oft darüber nach, warum der liebe Gott gerade mir so viel Schweres geschickt hat. Damals kann ich doch noch nicht so ungezogen gewesen sein, dass ich das alles verdient habe.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Martin Ruch

Abgedruckt ist das ganze Tagebuch in
Martin Ruch: "Inzwischen sind wir besternt worden"
Das Tagebuch der Esther Cohn (1926-1944) und die Kinder vom Münchner Antonienheim.
Norderstedt 2006
Darin auch viele weiterführende Informationen zur Biografie der Esther Cohn sowie zum jüdischen Kinderheim in München.

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