Offenburg "Heute so und morgen so"

Stolperstein in der Wilhelm Str. 15

Schulalltag nach dem Novemberpogrom 1938: Das bedeutete für viele jüdische Kinder lange Fahrten in eine größere Stadt zur nächsten jüdischen Schule. Für behinderte Kinder wie Esther Cohn eine besonders schwierige Situation. Schließlich fand sie einen Platz in einem jüdischen Kinderheim in München. Für die 13-Jährige, die plötzlich auf sich allein gestellt war, wurde das Tagebuch zum ständigen Begleiter.

Es sind die Aufzeichnungen eines sensiblen jungen Mädchens: Esther erzählt vom Leben im Kinderheim, von ersten Liebschaften und immer mehr wird auch die bedrückende Außenwelt zum Thema. An Chanukka im Dezember 1939 schenkte ihr die Mutter ein Tagebuch. Lesen Sie hier Auszüge aus ihrem Tagebuch, das Esther von 1939 bis 1942 führte.

Chanukka 1939 - Esther beginnt ihr Tagebuch mit einem Gedicht:

Heute so und Morgen so,
Lustig, traurig, fromm und froh.
Was ich denke, fühl und tu,
Trag ich Dir, mein Büchlein zu.

Wird's auch noch ein graus Gericht,
Machst mir drum kein bös Gesicht,
Denn Du weißt es, mit der Zeit
Wird ein Mädel erst gescheit.

30.5.1940

Die Zeit vergeht rasend. Seit ich das letzte Mal einschrieb, habe ich schon so viel Angst ausgestanden wie noch nie in meinem Leben. Bombenangriff auf die offene Stadt Freiburg, las ich eines Samstagmorgens in der Zeitung. Sofort telegrafierte ich und war glückselig, als ich Sonntag früh Antwort bekam. Myri und Evi sind in Offenburg, da in F. die Schulen geschlossen sind. Das ist doch eine große Beruhigung für mich. Der Krieg ist entsetzlich. Er reißt eine Familie so weit auseinander.

(Anm. der Redaktion: Esthers Geschwister Eva und Myriam mussten nach der Schließung der öffentlichen Schulen für jüdische Kinder in Freiburg zur jüdischen Schule gehen und wohnten dort unter der Woche bei jüdischen Familien)

Heute ist wieder Freitag und ich liege wieder einmal im Bett. Ich möchte so gern heim zu Mutti, obwohl es mir hier gut gefällt. Besonders Frl. Sommer ist so goldig.
Letzten Samstagabend waren wir am Kleinhesseloher See mit einer Klassenkameradin rudern. Das war sauber. Viele Jungens und Soldaten haben uns angeredet, mit „Sie" sogar. In einer Großstadt ist es halt ganz anders als in einer kleinen Stadt.

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