Anpfiff ohne Vorfreude

Erstes deutsches Spiel bei der Fußball-WM in Katar: „Die FIFA hat getan, was sie immer getan hat“

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INTERVIEW
Martin Gramlich

Vor dem ersten deutschen Spiel beherrscht die One-Love-Kapitänsbinde die Debatte in den Medien. Für Rainer Moritz vom Hamburger Literaturhaus ist das ein „Schaukampf, der wenigen etwas bringt“. Die Boykott-Aufrufe kurz vor der WM bezeichnet er als „Gratismut“.

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Die Empörungswelle kommt zu spät

Einen Boykott der WM in Katar, wie er in den Wochen vor dem Turnier vielfach gefordert wurde, hält Rainer Moritz für verspätet. Moritz ist nicht nur Leiter des Hamburger Literaturhauses, sondern auch Autor mehrerer Bücher über Fußball und Mitglied der deutschen Akademie für Fußballkultur.

„Jetzt plötzlich in den letzten Wochen tut sich eine Empörungswelle auf. So als sei dies eine neue Entscheidung gewesen, als habe man jetzt von Menschenrechtsverletzungen in Katar erfahren. Wenn man hätte ein Zeichen setzen wollen, gewichtige Zeichen, hätte dies von Verbänden, von den Spielern viel früher kommen müssen – und nicht jetzt so kurz davor. Das ist (...) Gratismut, der sich da weit verbreitet im Moment.“

Einzelaktionen haben wenig Sinn

So hätten auch die Debatten um die One-Love-Binde von Manuel Neuer nicht eintreten müssen, wenn sich die Fußballverbände vor der WM rechtzeitig untereinander abgesprochen hätten, meint Moritz.

„Wenn Protest, dann bitte gebündelt. So ist das ein Schaukampf, der wenigen etwas bringt.“

Auch die öffentliche Empörung über den Weltfußballverband kann Rainer Moritz nicht nachvollziehen, insofern die Kritikpunkte bereits lange bekannt gewesen seien: „Man tut jetzt so, als würde man endlich verstehen, was die FIFA für eine Organisation ist. Dass die FIFA sich so verhält, wie sie es jetzt tut, dass sie sich völlig dem Kommerz hingegeben hat, das ist nun wahrlich keine neue Entdeckung.“

Debakel um Zeichen für Vielfalt Debatte um Manuel Neuers One-Love-Binde in Katar

Die Debatte um das Debakel mit der One-Love-Binde, die Kapitän Manuel Neuer als Zeichen für Vielfalt erst tragen wollte und es dann aber wegen Androhungen einer Strafe von der FIFA doch nicht tat, nimmt kein Ende. Die Drag-Queen Olivia Jones fordert Neuer in einer Petition dazu auf, die Binde jetzt erst recht noch zu tragen. Viele werfen der Debatte aber auch Scheinheiligkeit vor.

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Fußball-WM in Katar Tote auf Baustellen, Homophobie und Kommerz: Rufe nach WM-Boykott verstummen nicht

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Tagesgespräch Sport-Expertin Schenk: WM-Boykott nicht wegen Lage der Menschenrechte in Katar

Wegen der Menschenrechtslage in Katar wollen viele Menschen die Fußball-WM im Fernsehen boykottieren - aus Sicht der Sport-Expertin Sylvia Schenk von Transparency International muss das aber nicht sein. Im SWR Tagesgespräch sagte Schenk, nachdem die FIFA 2016 Verbesserungen gefordert habe, sei viel passiert - das betreffe zum Beispiel auch die Sicherheitslage auf den Stadion-Baustellen. Es habe zum Beispiel lange nicht so viele Unfälle gegeben wie befürchtet: "Es geistern ja in Deutschland horrende Zahlen herum - 6.500 seien beim Bau der Stadien gestorben. Das wären zwei bis drei am Tag, in acht Stadien - da wäre die WM wirklich längst abgesagt". Hören Sie im Audio, aus welchem anderen Grund die Sport-Expertin die Boykott-Aufrufe doch nachvollziehen kann.

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