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Erster Afrozensus in Deutschland veröffentlicht: Geteilte Erfahrungen mit antischwarzem Rassismus

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„Innerhalb der sehr vielfältigen Gruppe Schwarzer Menschen in Deutschland werden Erfahrungen mit antischwarzem Rassismus geteilt“, konstatiert Joshua Kwesi Aikins nach Vorstellung des ersten Afrozensus in Deutschland am 30.November. Aikins ist Politikwissenschaftler an der Uni Kassel und Aktivist der schwarzen Bewegung, sowie Mitinitiator der ersten umfassenden Befragung Schwarzer Menschen in Deutschland.

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Lebensrealität Schwarzer Menschen in Deutschland sichtbar machen

Das Ziel des ersten Afrozensus sei, die Lebensrealität schwarzer Menschen in Deutschland sichtbar zu machen und dazu konkrete und differenzierte Daten zu erheben, sagt der Wissenschaftler. Der Fragebogen wurde über 6.400 mal aufgerufen, in die Auswertung sind schließlich die Antworten von mehr als 5.700 Personen eingegangen. Die Mehrzahl der Befragten ist zwischen 20 und 30 Jahre alt, gut gebildet und hauptsächlich verortet in großen Städten und Metropolen.

IMAGO  teutopress (Foto: imago images, IMAGO / teutopress)
Politikwissenschaftler Joshua Kwesi Aikins IMAGO / teutopress

Wegen Corona habe man auf das Internet ausweichen müssen und deshalb hauptsächlich Menschen erreicht, die sowieso online unterwegs seien, erklärt Aikins. Allerdings deckten sich — unabhängig vom Bildungshintergrund — viele der Angaben auch mit den derzeit unvollständigen Daten, die zu den Lebensumständen Schwarzer Menschen in Deutschland und Menschen mit afro-diasporischem Hintergrund bereits zur Verfügung ständen: Die Bevölkerungsgruppe sei im Schnitt jünger und bewege sich vor allem im urbanen Umfeld.

Aufgeteilt auf verschiedene Themenkomplexe

Die Personen seien zu ihren Erfahrungen in 14 unterschiedlichen Themenfeldern befragt worden, darunter der Zugang zum Gesundheitswesen, der Arbeitsmarkt und Wohnungsmarkt. „Vieles was wir nun endlich mit Zahlen erhoben haben, ist seit Jahrzehnten Teil des Erfahrungswissens unserer Gemeinschaft“, so Politikwissenschaftler Aikins.

Die Studie zeige, dass antischwarzer Rassismus in Deutschland strukturell verankert und verbreitet sei. Wenn Schwarzen Personen ungefragt in die Haare oder an den Körper gefasst werde, zeige das, wie weit die Vorstellung in der Gesellschaft verbreitet sei, über Schwarze Körper einfach verfügen zu können.

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Übergriffe und Alltagsrassismus

Viele Schwarze, insbesondere Frauen, erlebten eine Sexualisierung und Exotisierung ihrer Körper: Auf Dating-Apps haben fast 80 Prozent der Befragten bereits Rassismus erlebt. Es sei immer noch alltäglich, dass Schwarze Menschen über vermeintlich „positive“ Zuschreibungen, oft sexueller Art, ent-individualisert würden. Hierfür fehle Bewusstsein in der Gesellschaft. Schwarze Männer wiederum berichteten der Studie zufolge überdurchschnittlich oft grundlos von der Polizei kontrolliert zu werden.

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Schwarze Menschen werden als „Eindringlinge“ behandelt

„Teilweise hat uns überrascht, zu welch absurden Szenen es da manchmal kommt“, erzählt Joshua Kwesi Aikins: Wenn etwa die Schwarzen Enkel einer älteren Frau in deren Urlaub das Haus hüteten und eine neue Nachbarin die Polizei rufe, weil Schwarze Menschen sofort als Eindringlinge wahrgenommen worden seien.

In dem Fall habe sich die Polizei auch nicht von Familienbildern im Haus der alten Dame überzeugen lassen, die die Besitzerin mit den Schwarzen Enkeln zeigten — erst ein Anruf direkt bei der Großmutter habe dazu geführt, dass man die Schwarzen Enkel nicht weiter festgehalten habe.

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