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Wie viel Provokation geht noch? Der türkische Präsident Erdoğan ist schon sauer auf Frankreich – und dann legen französische Satiriker*innen auch noch nach und veröffentlichen eine ziemlich drastische Karikatur des Staatsoberhaupts. Uwe Lueb vermutet in seinem Kommentar: Vermutlich kommt dem türkischen Staatspräsidenten die Karikatur gerade recht.

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Wie reagiert Erdoğan auf die Karikatur?

Der Präsident der Türkei, Recep Tayyip Erdoğan, gibt sich gelassen. In einer Rede vor seiner AKP-Fraktion sagt er, er habe zwar von dieser hässlichen und unsittlichen Karikatur gehört, aber so etwas beachte er gar nicht und sehe es sich erst recht nicht an. – Das klingt nach einem souveränen Umgang damit.

Titelseite des französischen Satiremagazins «Charlie Hebdo» vom 27.10.2020 Erdogan-Karikatur  (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Charlie Hebdo/Majorelle PR & Events)
Titelseite des französischen Satiremagazins „Charlie Hebdo“ vom 27.10.2020: Erdoğan - privat ist er ganz lustig „Ohhh, der Prophet!“ Charlie Hebdo/Majorelle PR & Events

Aber dann springt Erdoğan scheinbar doch über das Stöckchen, das ihm die französischen Karikaturist*innen hinhalten. Seine Gefolgsleute im Präsidentenpalast sprechen nämlich von „kulturellem Rassismus“ und auch die Staatsanwaltschaft in Ankara wird aktiv. Können sich die Satiriker*innen in Paris also freuen, weil Erdoğan in die Falle getappt ist, die sie ihm gestellt haben? Nein. Denn ich glaube, Erdoğan kommt die Provokation aus Paris gerade recht.

Der türkische Präsident inszeniert sich als Verteidiger des Islam

Um das zu verstehen, muss man ein wenig zurückblicken: Frankreichs Präsident Macron hat nach dem Mord an einem Lehrer in Paris angekündigt, Islamismus in seinem Land strenger zu überwachen – und gesagt, der Islam befinde sich weltweit in einer Krise. Vergangenes Wochenende haben daraufhin Demonstranten in einigen arabischen Ländern zu einem Boykott französischer Waren aufgerufen.

Erdoğan hatte sich zwar schon da geringschätzig über Macron geäußert. Dem Boykottaufruf aber hat er sich erst Anfang der Woche angeschlossen – am Montag in einer Rede zum Auftakt der Mewlid-Woche. Das ist die Woche, in der Muslime den Geburtstag des Propheten Mohammed feiern. Weil es hier nach islamischem Kalender geht, ist es nicht ein festes Datum nach unserem Kalender.

Empörung als politisches Kalkül

Zufällig fällt in diesem Jahr in dieselbe Woche auch der Gründungstag der türkischen Republik. Das bietet Raum für viel Symbolträchtiges – und genau das versucht Erdoğan zu nutzen. Denn schon lange möchte er als Anführer der muslimisch geprägten Länder gesehen werden. Wenn er sich jetzt mit Frankreich anlegt, kann er hier Punkte gutmachen. Seinen Gefolgsleuten zuhause gefällt das sowieso.

Möglicherweise, und das wäre wichtiger, gefällt es auch manchen, die sich schon von ihm abgewandt haben. Denn innenpolitisch sinkt Erdoğans Stern längst. In Umfragen bröckeln die Zustimmungswerte für seine Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung, AKP. Die Arbeitslosigkeit ist weiter hoch – bei jungen Leuten bis 25 ist sogar jeder Vierte ohne Job. Die Wirtschaft schwächelt, zusätzlich gelähmt, wie überall auf der Welt, durch die Corona-Pandemie.

Die Türkei in der Krise

Die ist zudem weniger im Griff als lange behauptet: Die Infektionszahlen in der Türkei sind nämlich durch Melde-Tricks verhältnismäßig niedrig gehalten worden. Bei all dem ist es für Erdoğan gut, sich als wahrer Sittenwächter profilieren zu können. Es wird ihn also wenig Mühe gekostet haben, sich angesichts der Karikatur nach außen gelassen zu zeigen. Vermutlich freut er sich sogar über die Steilvorlage aus französischen Satireredaktionsstuben.

So reagiert das Netz auf die Karikatur

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Journalist Deniz Yücel nimmt die Reaktion in der muslimischen Welt zum Anlass für ein 'Best of boycot

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