Kulturmedienschau

#FreeBritney & ein neuer Historikerstreit? | 25.6.2021

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Britney Spears, Über-Popstar der 90er, lebt seit 13 Jahren unter Vormundschaft und hat jetzt einen Aufschrei in die Welt geschickt: Sie will sich endlich ihr Leben zurückholen. Das ist ein Thema heute auf den Kulturseiten der Zeitungen und im Netz. Und es geht um einen neuen Streit über die Singularität des Holocaust.

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Gibt es einen neuen Historikerstreit?

Der ursprüngliche „Historikerstreit“ fand 1986/87 in der deutschen Öffentlichkeit statt und entzündete sich an den Thesen des Historikers Erich Nolte, der Vergleiche zwischen dem Holocaust und dem sowjetischem Gulag-System zog. Damit stellte er erstmals die Einzigartigkeit des Holocaust in der größeren deutschen Öffentlichkeit in Frage. Kritik kam unter anderem von Jürgen Habermas und das Thema wurde breit diskutiert.

Nun droht im Rahmen der Debatte um koloniale Zerstörung und Gewalt und deren Aufarbeitung im postkolonialen Diskurs ein erneuter Historikerstreit, ausgelöst diesmal durch die Thesen des australischen Genozid-Forschers A. Dirk Moses.

„Der Katechismus der Deutschen“

Auf Zeitonline schreibt Christian Staas dazu: „Über die Frage, ob das Holocaustgedenken der Erinnerung an andere Genozide und koloniale Verbrechen im Weg steht, ist nicht nur in Deutschland eine lautstarke Debatte entbrannt. Manche sprechen schon von einem neuen Historikerstreit.“ Auch die Diskussion um Israelkritik und Antisemitismus knüpft hier an, eines der bekanntesten Beispiele der jüngsten Zeit ist in Deutschland der Fall des kamerunischen Wissenschaftlers Achille Mbembe.

Im Zentrum des möglichen neuen Historikerstreits steht, so Staas, die von A. Dirk Moses kürzlich veröffentlichte Polemik „gegen die deutsche Erinnerungskultur unter dem Kleist'schen Titel 'Der Katechismus der Deutschen' in der er erklärt, dass die Erinnerung an die Vernichtung der europäischen Juden in Deutschland zu einer Zivilreligion geworden sei, gehütet von 'Hohepriestern', die Kritik an der israelischen Politik im Namen der Staatsräson als antisemitisch diskreditieren und jeden Vergleich des Holocausts mit anderen Verbrechen gegen die Menschlichkeit als 'Abfall vom rechten Glauben' zurückweisen.“

Koloniale Verbrechen müssen besser aufgearbeitet werden

Der Zeit-Redakteur Staas hält das für „kurzschlüssig und falsch“. Es ließe sich aber auch nicht leugnen, dass, während sich das Holocaustgedenken fest etabliert habe, das kolonialhistorische Gedächtnis voll weißer Flecke geblieben sei. Da wundere es kaum, dass die Rede von der Singularität und die Metapher vom Zivilisationsbruch den Unmut jener auf sich zögen, die aus der Perspektive des globalen Südens auf die Weltgeschichte blickten.

„Schließlich verweisen diese Begriffe nicht nur auf die Ungeheuerlichkeit des antisemitischen Massenmordes. Sie insinuieren auch, es habe vor 1933 eine 'ungebrochene' Zivilisation gegeben“, folgert Christian Staas in seinem Artikel für Zeit Online: „Davon freilich kann keine Rede sein. Die westliche Zivilisation ruht auf einem Fundament aus Schädeln und Knochen, auf Raub, Massenmord und Sklaverei.“

Die Reaktionen im Netz:

Das Netz reagiert gemischt auf die ausgebrochene Polemik — so bezeichnen neurechte Identitäre wie Martin Sellner den Artikel „Katechismus der Deutschen“ als „absolut lesenswert“. Bei ihnen stehen besonders die religiös aufgeladenen Begriffe von „Schuldreligion“ oder „Schuldkult“ im Fokus.

Auf der anderen Seite kritisieren nicht nur Aktivist*innen aus der antideutschen Szene „die neue Unbefangenheit“, mit der die Einzigartigkeit des Holocaust in Frage gestellt werden könne. Insbesondere der umstrittenen BDS-Bewegung werde damit Vorschub geleistet, außerdem böte es Anknüpfungspunkte für die Rechte.

Die neue Unbefangenheit Mit der deutschsprachigen Rezeption von Michael Rothbergs "Multidirektionaler Erinnerung" und Einwürfen wie dem von A. Dirk Moses zeichnet sich eine neue Form der Relativierung der Shoah ab. Ging es beim Historikerstreit noch darum, die Geschichte 1/n

"Katechismus", "Heilsgeschichte", "heiliges Trauma", "sakrale Erlösungsfunktion" - oder kurz gesagt: Schuldkult. Versatzstücke deutsch-nationalistischer Kritik der Vergangenheitsbewältigung, multidirektional-universalistisch gewendet. Sieferle von links. https://t.co/itK3llYQIN

»Mit dieser Argumentation muss sich Moses nicht wundern, dass er der deutschen Rechten nun als Kronzeuge dient." Volker Weiß kontert die „Schuldkult“-Thesen des vor Kurzem veröffentlichten Artikels des #Genozid-Forschers A. Dirk Moses. https://t.co/W51NVlViqO

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