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Deutschland lahmt im Handeln. Aber es könnte auch sein, dass die Corona-Pandemie die Geschichte einer Unterschätzung ist. Dass wir alle zu sehr auf die Wissenschaft gesetzt haben und lernen müssen, wie gewaltig die Kräfte der Natur sein können, meint SWR2 Redakteur Rainer Volk in seinem Kommentar. Denn: Es geht in der Geschichte nicht immer aufwärts - oft nicht mal seitwärts.

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Eine Weile waren wir in der Disziplin „Disziplin“ Welt-Spitze

Von einem „Krieg“, wie Emmanuel Macron es getan hatte, wollte Angela Merkel vor einem Jahr nicht reden. Sie ahnte vermutlich: Das Land würde ihr auch folgen, wenn sie kein Pathos im Übermaß bemüht. In der Tat: Eine Weile waren wir in der Disziplin „Disziplin“ Welt-Spitze.

Maskentragen wurde Ehrensache - naja, fast. Und im Sommer-Urlaub ging es in unbekannte Ecken der Republik. Soweit die Legende. Zur Wahrheit gehört, dass es von Anfang an Schattierungen gab: Corona-Partys, Treffen jenseits der tolerierten Personen- oder Haushaltszahl. Auch entstand die Fraktion der Corona-Leugner bereits vor dem Sommer 2020.

Viele glauben nicht mehr an das Herrschaftswissen der Politik

Endgültig verblasste die Erzählung vom folgsamen Volk ab November mit Beginn des zweiten Lockdown – und als dieser immer wieder verlängert wurde. Richtig ist: Die Politik warnte alle, es werde schwer – und musste sich doch Anfang März dem öffentlichen Druck beugen und Lockerungen verkünden. Da aber baute sich die dritte Infektionswelle auf.

Deshalb gilt Merkels Satz vom Ernst der Lage weiter. Geändert hat sich die Chemie zwischen Regierung und Regierten. Viele glauben nicht mehr an das überlegene Herrschaftswissen der Politik. Ebenso fehlt das Verständnis, dass verschiedene Sparten der Medizin öffentlich debattieren, welcher Weg aus der Pandemie führt. So funktioniert Wissenschaft.

Geschichte der Pandemie ist eine Geschichte ihrer Unterschätzung

Richtig schlimm aber ist der Eindruck der letzten Wochen, dass dieses Land lahmt. Stichwort: digitales Lernen an den Schulen, Schneckentempo bei der Impfanmeldung. Dass die Verwaltung in 12 Monaten zu wenig nachgebessert hat. Vielleicht schadet es sogar, dass wir alle ein Jahr nach Frau Merkels Fernseh-Ansprache Experten geworden zu sein glauben bei Inzidenzwerten, Zoonosen und Aerosol-Eigenschaften. Weil wir hoffen, so die Monotonie im Home Office, die soziale Isolation, die Verlust-Ängste schneller hinter uns zu lassen.

Dabei könnte aber auch sein, dass die Geschichte dieser Pandemie nicht zuletzt eine Geschichte ihrer Unterschätzung ist. Anfangs dachten wir an ein paar Wochen Selbstbeherrschung, heute hoffen wir auf ein Mittel, das allen gespritzt werden kann – dann sei wieder „Party-Time“. Der Soziologe Max Weber hat vor über 100 Jahren Wissenschaft als „Entzauberung der Welt“ beschrieben. Nun aber zeigt das Virus allen, dass ihm immer wieder was Neues einfällt und der böse Zauber nicht daran denkt zu weichen.

Es geht nicht immer aufwärts – oft nicht mal seitwärts

Sicher ist: Corona hat allen Machbarkeitsfantasien, auch der Wissenschafts-Gläubigkeit, schwere Dämpfer verpasst und gezeigt: Es geht nicht immer aufwärts – nicht mal seitwärts – in der Weltgeschichte. Deshalb bleibt die Lage ernst, selbst wenn im Sommer oder Herbst eine so genannte Herden-Immunität erreicht werden sollte. Zwar werden wir auch wieder Spaß haben – ja müssen. Aber anders. Nicht so übermütig, ohne Hybris. Aber das ist, zugegeben, nur eine Ahnung, keine Gewissheit.

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