Gespräch

Politikwissenschaftler Münkler zum Krieg in der Ukraine: Putins Rückfall auf eine militärische Politik

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Marie Gediehn

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Putins Angriff erinnert an das Geschehen in Europa in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

„Was in der Ukraine passiert, ist ein richtiger Krieg, kein Kalter Krieg“, sagt der Geschichtswissenschaftler und Autor Prof. Herfried Münkler in SWR2.

Tatsächlich erinnere Putins Angriff auf die Ukraine eher an das Geschehen in Europa in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, meint der Experte. „In einer Zeit, in der wir nicht wissen, wie der nächste und der übernächste Tag sein wird, ist es trotzdem sinnvoll sich an historische Analogien zu orientieren“, bekräftigt Münkler; der Blick in die Geschichte lohne sich zum Erkenntnisgewinn immer.

„Wir haben uns abgewöhnt in Worst Case-Szenarien zu denken“

Der Historiker gehört zu den wenigen, die sich schon vor Wochen damit beschäftigt haben, dass Russland, wie jetzt geschehen, komplett auf eine militärische Politik zurückfallen könnte. Münkler konstatiert: „Wir haben uns abgewöhnt in Worst Case-Szenarien zu denken. Wir hatten eine Vorstellung davon, dass ein Mindestmaß an Vertrauen die Voraussetzung von Ordnung ist. Dieses Mindestmaß an Vertrauen ist aber durch Putin in den letzten Wochen schamlos missbraucht worden.“

Gespräch Somalia und die Weizen-Blockade aus der Ukraine – „Es braucht jetzt wirklich einen Kraftakt“

Durch die Blockade von Weizenexporten aus der Ukraine hat sich die Hungersnot in den Ländern am Horn von Afrika drastisch verschlimmert. Die Sprecherin von UNICEF Deutschland, Christine Kahmann, nennt die Lage in Somalia im Gespräch mit SWR2 „katastrophal“.
Das Land importiere über 90 Prozent seines Bedarfs an Weizen aus Russland und der Ukraine. Kahmann erläutert: „Viele Familien in Somalia können sich Grundnahrungsmittel nicht mehr leisten.“ Dass ein erstes Frachtschiff mit einer Ladung Weizen aus einem ukrainischen Hafen auslaufen konnte, ist für die Expertin ein „Hoffnungsschimmer“. Es gelte aber: „Die Lage in Somalia lässt sich nicht einfach entschärfen. Es braucht jetzt wirklich einen Kraftakt.“
Doch sei der Nothilfeaufruf von UNICEF und anderen Hilfsorganisationen bisher „drastisch unterfinanziert“. Auch wenn die Welternährungsorganisation WHO für Somalia noch nicht offiziell eine Hungersnot ausgerufen habe, gelte: „Bereits jetzt sterben die Kinder – wir dürfen jetzt keine weitere Zeit verlieren.“
Christine Kahmann ist seit 2020 Pressesprecherin des UNICEF-Komitee Deutschland; sie hat zuvor für die Hilfsorganisation „Action against Hunger“ gearbeitet.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Gespräch Sergii Rudenko – Selenskyj. Eine politische Biografie

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskji ist seit dem Überfall Putins ein Weltstar. Dabei war er im letzten Winter ziemlich angezählt. Seine Partei „Die Diener des Volkes“ war hervorgegangen aus einer Fernsehproduktionsfirma, deren Mitarbeiter auf einmal die Armee, den Geheimdienst und das Außenministerium leiteten. Erst der Überfall Putins machte aus Selenskji den Präsidenten, der Putin herausfordern konnte. Jetzt ist ein Buch auf Deutsch erschienen, das erzählt die ganze verworrene Geschichte des Machtwechsels in der Ukraine: Selenskji – eine politische Biographie. Wir sprechen mit dem Autor Sergii Rudenko.
Übersetzt von Beatrix Kersten, Jutta Lindekugel
Hanser Verlag, 224 Seiten, 24 Euro
ISBN 978-3-446-27576-8  mehr...

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Wort der Woche Zeitenwende - erklärt von Bernhard Pörksen

Seit Ende Februar ist angesichts der aktuellen Kriegssituation in der Ukraine und der Drohungsszenarien Wladimir Putins von einer „Zeitenwende“ die Rede. Eingeführt hat den Begriff Bundeskanzler Olaf Scholz auf Twitter und in seiner Bundestagsrede am 27. Februar. Deutschland hat seine Position, bei Kriegsgeschehen keine Militärhilfe zu leisten, erstmals seit 1945 gebrochen. Und die Europäischen Länder stehen mit ihren schwer geschnürten Sanktionspaketen gegenüber Wladimir Putin geschlossen ein für den Frieden und zeigen eine starke Solidarität mit der Ukraine. Der Krieg dort hat Europa verändert. Nun hat es seit dem Zweiten Weltkrieg etliche brutale politische Auseinandersetzungen und Kriegssituationen in Europa gegeben - und auch andere einschneidende Entwicklungen - etwa 9/11 oder der dramatisch verlaufende Klimawandel - werfen die Frage nach einer „Zeitenwende“ auf. Prof. Bernhard Pörksen, Medienwissenschaftler an der Universität Tübingen, erklärt seine persönliche Einschätzung des Begriffs in der aktuellen europäischen Kriegssituation und darüber hinaus.  mehr...

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Medizin Ukraine: So versorgt man versehrte Soldaten mit Prothesen

Bisher waren sie in der ukrainischen Gesellschaft nahezu unsichtbar: Amputierte und Menschen mit Behinderung. Doch durch den Krieg benötigen plötzlich Hunderte junger Soldaten Prothesen, um weiterhin am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können.  mehr...

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Kriegsfolgen Ukraine: So hilft ein Zoo seinen hungernden Tieren

Die Tiere im Privatzoo „12 Monate" nahe Kiew haben Schlimmes erlebt. Im Frühjahr mussten sie über Wochen hinweg Kriegslärm, Kälte und Hunger ertragen. Nun versucht der Zoo, zum Normalbetrieb zurückzukehren.  mehr...

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Krieg Resilienztraining für ukrainische Soldaten

Der Krieg in der Ukraine hat auch Auswirkungen auf die Psyche. In Präventionskursen der Armee werden nun Experten ausgebildet, die ihr Wissen an Soldaten weitergeben. Die Bewältigungsstrategien sollen posttraumatischen Belastungsstörungen vorbeugen.  mehr...

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Gespräch Trotz fehlender militärischer Erfolge: Der russische Krieg in der Ukraine droht lange weiterzugehen

Der Abnutzungskrieg zwischen Russland und der Ukraine könne möglicherweise noch Jahre weitergehen, sagt der Politikwissenschaftler Manfred Sapper in SWR2, Chefredakteur der Zeitschrift "osteuropa". Dabei seien auf beiden Seiten inzwischen vermutlich etwa 20- bis 30-tausend tote Soldaten zu beklagen.
Wenn der russische Präsident Putin öffentlich erkläre, dass alles nach Plan verlaufe, lasse sich das nur noch als Zynismus begreifen, so der Osteuropa-Experte. Die russische Offensive im Donbass, bei der Städte in Schutt und Asche gelegt und Menschen wahllos getötet würden, habe dabei gerade einmal Geländegewinne von 30 Kilometern gebracht. Das sei kein militärischer Erfolg.
Unverändert gingen die militärischen Führungen von Ukraine und Russland davon aus, dass ein Waffenstillstand schlechter sei als eine Fortsetzung der militärischen Anstrengungen. Zugleich achte Moskau penibel darauf, vor allem Berufssoldaten aus fernen Regionen des Landes in der Ukraine einzusetzen, nur wenige aus Moskau oder St. Petersburg, um Widerstände dort nicht zu vergrößern.  mehr...

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SWR2 Leben Wenn der Krieg in die Stadt kommt – Uschhorod, Ukraine

Seit Beginn des Krieges sind tausende Seit Beginn des Krieges sind sehr viele Menschen in den Westen der Ukraine geflohen. Christiane Seiler hat in der Kleinstadt Uschhorod Einwohner*innen und Geflüchtete getroffen.  Von Christiane Seiler  mehr...

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Tagesgespräch USA-Experte: Deutschland ist in Europa zentraler Partner der USA

Die USA sind unter Präsident Joe Biden anderen Ländern gegenüber partnerschaftlicher aufgestellt als sie es noch unter dem vorherigen Präsidenten Donald Trump waren. Das sagt Michael Link (FDP), Mitglied des Bundestages und Transatlantik-Koordinator der Bundesregierung, anlässlich des US-amerikanischen Unabhängigkeitstages im SWR2 Tagesgespräch. Die neue Partnerschaft zeige sich unter anderem daran, dass Biden Trumps Pläne, US-Militär aus Deutschland abzuziehen, rückgängig gemacht habe. "Die Amerikaner wissen, dass Deutschland als Drehkreuz unverzichtbar ist." Mit dieser Aussage meint Link unter anderem die Basen in Ramstein, Landstuhl und Stuttgart. "Die Amerikaner schätzen neben der Sicherheit des Standorts auch die Lebensqualität, die Deutschland hat."
Welchen Anteil der Krieg in der Ukraine an der neuen westlichen Geschlossenheit hat, erklärt Link im Gespräch mit SWR2 Aktuell-Moderator Pascal Fournier.  mehr...

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Marie Gediehn