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Dass erst 30 Jahre nach dem Mauerfall mit den Bauarbeiten für das offizielle Einheitsdenkmal begonnen werde, sei im Grunde nicht zu fassen, so SWR2 Redakteurin Susanne Kaufmann in ihrem Kommentar. Ob man ein so komplexes Thema wie die deutsche Wiedervereinigung auf eine Wippe reduzieren könne? Man könne es nicht nur – man müsse es auch.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
18:40 Uhr
Sender
SWR2

„Bürger in Bewegung“ - ein neuer Anlaufpunkt

Wofür wurden in Deutschland nicht alles Denkmäler gebaut! Der Fall der Mauer und die deutsche Wiedervereinigung zählen aus heutiger Sicht zu den wichtigsten Daten unserer Geschichte. Dass erst jetzt, üer 30 Jahre nach dem Mauerfall, mit den Bauarbeiten für das offizielle Einheitsdenkmal begonnen wird, ist im Grunde nicht zu fassen. Vor allem wenn man sich klar macht, welche Funktion ein solches Denkmal hat.

Denkmäler zeigen, was von Bedeutung ist. Sie erinnern an das, was nicht vergessen werden darf und sind vor allem deshalb ganz entscheidend Orte der historischen Bildung, insbesondere für die Jugend. Nicht nur Schulklassen, die in die deutsche Hauptstadt reisen, haben dort ab Ende nächsten Jahres mit dem Einheitsdenkmal einen neuen Anlaufpunkt. „Bürger in Bewegung“, so heißt der Entwurf der Stuttgarter Agentur Milla & Partner: eine 50 Meter lange begehbare Schale, die nun auf dem Sockel des früheren Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmals vor dem Humboldt-Forum errichtet wird, direkt am Ufer der Spree.

Verständigung auf ein Ziel lässt sich körperlich erleben

Es gibt in Berlin ein anderes Denkmal, das für viele Touristen zum Pflichtprogramm gehört: das Holocaust-Mahnmal nahe dem Brandenburger Tor. Der Grund dafür liegt auf der Hand: weil sich die Architektur des grauen Stelenfeldes beim Gang hindurch erfahren lässt – vorsprachlich sozusagen, ohne dass man erst was lesen muss. Eben dies verspricht auch der Entwurf des Einheitsdenkmals.

Die begehbare große Schale, vor allem von Kritikern gern als „Wippe“ tituliert, kann sich sanft in die eine oder andere Richtung neigen – aber nur, wenn sich mindestens 30 Menschen miteinander verständigen und gemeinsam in eine Richtung gehen. Das heißt, dass sich hier etwas körperlich erleben lässt – etwas Einzigartiges – wenn Menschen, die sich in der Regel vorher nicht kennen, miteinander kommunizieren. So wird dieses Denkmal voraussichtlich zu einem Ort, der Teilhabe und Gemeinschaft spüren lässt.

„Wir sind ein Volk. Wir sind das Volk“ - und Bilder aus der Wendezeit

Aber kann man, so monieren Kritiker, ein so komplexes Thema wie die deutsche Wiedervereinigung auf eine Wippe reduzieren? Man kann nicht nur – man muss. Es liegt im Wesen eines guten Entwurfs, entscheidende Aspekte auf einen Punkt zu bringen, der hier gefunden wurde: Wären die Bürger der DDR nicht aufgestanden und in immer größerer Zahl hinausgegangen auf die Straße, dann wäre die Mauer nicht geöffnet worden. Auf der Schale stehen dementsprechend auch die Losungen der Montagsdemonstranten „Wir sind ein Volk. Wir sind das Volk“, ergänzt an der Unterseite durch Bilder aus der Wendezeit. Das reicht, wenn das Deutsche Historische Museum in 200 Metern Entfernung liegt.

In Berlin wurden in den vergangenen 20 Jahren eine Reihe von Mahnmalen errichtet, die an die Opfer des Nationalsozialismus und der DDR-Diktatur erinnern. In dieser Woche wurde endlich mit dem Bau eines Denkmals begonnen, das für eine positive Wende in der deutschen Geschichte steht. Das ist wichtig, um nicht nur aus einem Gefühl von Schuld, sondern aus einem Gefühl von Gemeinsamkeit heraus nach vorn zu schauen. Wir sind das Volk. Jeder ist wichtig. Und zusammen sind wir stark. Dieses demokratische Prinzip können alle Bürger in Bewegung in Berlin bald anschaulich erleben.

Gespräch Stuttgarter Architekt Sebastian Letz über sein Einheitsdenkmal: „Es wird eine interaktive Skulptur“

Nach über zehn Jahren Bauverzögerung und Debatte sei er froh, dass der Bau für das Einheitsdenkmal nun endlich losgehen könne, sagt Sebastian Letz vom Stuttgarter Architekturbüros Milla & Partner, das mit seinem Entwurf einer 50 Meter langen Waagschalen den Zuschlag für den Bau bekam.  mehr...

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