Gespräch

„Die Stimmen der Opfer werden vor Gericht hörbar“: Urteil im Jesiden-Prozess erwartet

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Wilm Hüffer

In Frankfurt wird heute das Urteil gegen den mutmaßlichen irakischen IS-Kämpfer Taha Al-J. erwartet. Er soll zusammen mit seiner deutschen Frau für den Tod eines jesidischen Mädchens verantwortlich sein – und damit Teil des Völkermords an den Jesiden durch den sogenannten Islamischen Staat.
Die Journalistin und Menschenrechtsaktivistin Düzen Tekkal bezeichnete es in SWR2 als wichtig und richtig, dass es mit diesem Prozess nun einen Präzedenzfall gebe.

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Für die Opfer ist der Prozess Trauerbewältigung

„Den Gräueltaten kann kein Gericht der Welt gerecht werden, dennoch braucht es dieses Urteil.“ Das sei insbesondere für die Opfer wichtig, für die der Prozess auch ein Stück Traumabewältigung sei, so Tekkal weiter.

Gemeinsam mit ihrer Mutter hatte das Mädchen im Haushalt von Al-J. gelebt, nachdem der Vater und mutmaßlich auch der Bruder durch den IS ermordet worden waren. Nachdem der Angeklagte das Mädchen bei sengender Hitze 2015 als Strafe im Hof angekettet hatte, war es qualvoll verdurstet.

Die Verteidigungsstrategie des Angeklagten bezeichnete Tekkal im Interview als „menschenverachtend“, weil sie das Sklavereisystem und die Ausbeutung jesidischer Gefangener ignoriere.

Erstmals wird in Deutschland ein Völkermord nach dem Weltrechtsprinzip verfolgt

Wer die Mutter des verstorbenen Mädchens als „Haushaltshilfe“ bezeichne müsse sich fragen lassen, welche Haushaltshilfen regelmäßig geschlagen und bestraft werden.

Dennoch ist Tekkal von der Bedeutung des Verfahrens überzeugt, denn zum ersten Mal wird in Deutschland ein Völkermord nach dem Weltrechtsprinzip verfolgt. Der Prozess in Frankfurt könne deshalb auch Beispiel sein für ein internationales Straftribunal. Ein solches Tribunal könnte nach Ansicht der Journalistin auch in der autonomen Region Kurdistan stattfinden, denn dort hielten sich aktuell die meisten Täter auf.

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