Netzkultur

Die App BeReal: Wie der Hype um das echte Leben zum Problem werden kann

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AUTOR/IN
Christian Batzlen

Die ist Idee ist fast schon zu simpel und trotzdem begeistert sie derzeit Millionen. Alle Freunde machen zur gleichen Zeit ein Foto und laden es in die App BeReal. Eine tägliche Sammlung unretouchierter Bilder, die verbinden, Einblicke in das echte Leben geben und digitale Nähe schaffen soll. Doch der Hype unter jungen Nutzer*innen ist nicht für alle ein Segen.

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Keine perfekt inszenierten Fotos

Be Real! Eine Aufforderung, die gar nicht so leicht ist. Vor allem, so spontan. Das bemerkte ich, nachdem dritten Versuch, ein Selfie locker aus der Hüfte zu schießen. Ob es meinen Freunden ähnlich geht, frage ich mich. Es ist die App, die uns irgendwann am Tag alle gleichzeitig überrascht, mit einem Zeitfenster von 2 Minuten unseren Moment mit Front- und Rückkamera so festzuhalten wie er ist. Ungeschönt und authentisch. Das reizt derzeit Millionen.

„Vielleicht sind wir ja an einem Punkt, an dem wir das langsam nicht mehr sehen können. Diese Bilder, bei denen überhaupt nichts und auch nicht Position der kleinsten Strähne dem Zufall überlassen ist” sagt Kulturwissenschaftlerin Katja Gunkel. Sie forscht am Institut für Kunstpädagogik der Goethe-Universität Frankfurt. 

Realität für 24 Stunden

Und diese App entlastet ja durch die extreme Reduktion der Möglichkeiten und dann auch noch die Handlungsanweisung, die dann an das Programm ausgelagert wird. Das heißt, nicht mal über den Aufnahmezeitpunkt muss ich mir Gedanken machen. Jetzt, mindestens als Spielerei, kann es sehr entlastend sein und Spaß machen.

Und es fällt direkt auf: Bei diesem Anti-Instagram erlebe ich keinen Naturwein, Seidentofu oder hippe Keramikkunst. Hans sitzt beim Friseur, Yannik auf dem Rad und Monika in der Bahn. Was man eben so macht, in Situationen, in denen man sich eben befindet, mit irgendwelchen Personen, die gerade irgendwo herum irgendetwas tun. Absolut Real für 24 Stunden.

Nur wer selbst postet, darf zusehen

„Natürlich könnte man auch die Lesart anlegen, dass BeReal oder auch der Hype, den es gerade gibt, dass es auch ein Versuch ist, Nähe im Digitalen herzustellen, zumindest symbolisch, mit Einblicken in den Alltag.“ meint Gunkel.

Und diese Einblicke sehe ich nur, wenn ich auch selbst etwas poste. Stille Beobachtende gibts hier nicht. Your friends, for real. So heißt zumindest der Claim des nun allgegenwärtigen Netzwerkes. Ein Versprechen, das so nie eingelöst werden kann.

BeReal baut Druck auf

Die App wurde Anfang 2020 vom gleichnamigen französischen Unternehmen ins Leben gerufen, aber erst jetzt zum Hype. Fast 80 Prozent der um die acht Millionen Downloads stammen aus diesem Jahr. Spontanität und Intimität ist das Geheimrezept dieser App, aber auch das Problem, wie Katja Gunkel aufzeigt, die schon zu den Wirkungsweisen von Instagram geschrieben hat.

„Ich glaube, dass es auch gerade für junge Menschen in der Peergroup auf ein immenser Druck sein kann, diese App so verwenden zu müssen. Weil ja gerade der Imperativ des Alltäglichen, des Banalen offenbart ja auch total Sozial- und Klassenunterschiede. Die lassen sich nicht mehr kaschieren. Das kann auch stark Druck ausüben.”

Das Momentum spielt der App in die Karten

Posts von Menschen, die einem nahestehen, dringen oft bei anderen Plattformen wie Instagram oder Facebook gar nicht mehr durch. Es ist das Momentum, das der App in die Karten spielt.

Noch gibt es Be Real gibt es keine Werbung, keine Influencer oder keine Vorschläge basierend auf Bild XYZ. BeReal macht dich nicht berühmt, sondern lässt alle Nutzenden auf dem Boden des Alltags. Bleibt die Frage, ob der Alltag es schafft, längerfristig zu faszinieren. 

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