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Universelle moralische Grundsätze fordert der Bonner Philosoph Markus Gabriel in seinem neuen Buch „Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten – Universale Werte für das 21. Jahrhundert“. Dass in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen ständig „moralisiert“ werde, sei im Grunde ein Missbrauch moralischer Einsicht, so Gabriel in SWR2.

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Universelle Werte: Sexuelle Gewalt oder Sklaverei waren immer verwerflich

Das Kernproblem einer „postmodernen Beliebigkeit“ bestehe darin, dass gesellschaftlichen Gruppen ständig bestimmte moralische Haltungen oder Werte zugeschrieben würden. Verbindliche moralische Standards würden damit aber faktisch unterlaufen, so Gabriel. Statt in der Gesellschaft einen Kampf um Werte zu führen, müsse eine universale Verbindlichkeit moralischer Standards wiederhergestellt werden.

Sexuelle Gewalt oder Sklaverei seien schon immer moralisch verwerflich gewesen. Allenfalls hätten die Herrschenden versucht, entsprechende Standards zu verdecken oder zu unterdrücken. Hätte man Wissenschaft und Wirtschaft „an die moralische Kandare genommen“, wären der Menschheit zwei Weltkriege und eine Entkoppelung des wissenschaftlichen Fortschritts von den Werten der Aufklärung erspart geblieben. Beispielsweise sei auch die Herstellung von Gütern in der Volksrepublik China bei Duldung schwerer Menschenrechtsverletzungen „moralisch verdammenswert“.

Wie lässt sich das moralisch Gute „monetarisieren“?

Über solche Probleme müssten ernsthafte Gespräche geführt werden, ohne zu dabei zu verkennen, dass nicht auch Europäer*innen umgekehrt von Chines*innen lernen könnten. Am Ende müsse es darum gehen, auch das moralisch Gute zu „monetarisieren“, wirtschaftlich erfolgreich zu machen.

Buchkritik Markus Gabriel - Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten. Universale Werte für das 21. Jahrhundert

Markus Gabriel gehört zu den prominentesten Vertretern der deutschen Gegenwartsphilosophie. In seinem aktuellen Buch schreitet der 40-Jährige zu einer Generalabrechnung mit der postmodernen Moralphilosophie, die die Existenz von universell gültigen Werten stets bestritten hat. "Ich werde dafür argumentieren, dass es moralische Leitplanken menschlichen Verhaltens gibt", schreibt Gabriel: "Diese Leitplanken sind kulturübergreifend, sie sind die Quelle für universale Werte im 21. Jahrhundert. Ihre Geltung ist nicht davon abhängig, dass die Mehrheit der Menschen sie anerkennt, sie sind in diesem Sinne also objektiv."
Um die "moralischen Tatsachen", die der Bonner Philosoph in seinem Werk postuliert, verstehen zu können, muss man kein abgeschlossenes Philosophiestudium haben - sie sind denkbar einfach: "Dass man keine Kinder quälen soll; dass man die Umwelt schützen soll; dass man alle Menschen möglichst gleich behandeln soll..."
Rezension von Günter Kaindlstorfer.


Ullstein-Verlag, Berlin
ISBN 978-3-550-08194-1
368 Seiten
22 Euro  mehr...

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