Gespräch

„Die documenta fifteen war ein Spezialfall“ – Meron Mendel wirbt für eine neue Erinnerungskultur

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Philine Sauvageot

„Ich hätte gern ein positives Fazit gezogen, aber an diesem Punkt kann ich das wirklich nicht tun“, sagt Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank bei SWR2 über die diesjährige documenta.

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Kein Erfolg des Expertengremiums bei Aufarbeitung

„Das war schon ein Spezialfall, weil man ja versucht hat, bei der documenta eine neue Struktur mit Lumbung in Aktion zu bringen", sagt Mendel auf die Frage, ob die Antisemitismusdebatte bei der documenta fifteen typisch für die deutsche Debattenkultur sei.

Der Direktor der Bildungsstätte Anne Frank war von den Organisatoren der documenta im Zuge des Antisemitismus-Skandals innerhalb eines Expertengremiums um Hilfe bei der Aufklärung gebeten worden. Diese Arbeit war aber letztlich ohne Erfolg geblieben.

SWR2-Podcast „Was geht – was bleibt?" zu Antisemitismus:

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Positives Fazit? Bei der documenta nicht möglich

„Das Expertengremium war der letzte Versuch, eine konstruktive Lösung zu finden und ist daran gescheitert, dass seine Ratschläge nicht angenommen wurden. Bei der nächsten documenta muss eindeutig eine Verantwortlichkeit im Vorfeld geklärt werden“, meint Mendel deshalb.

Meron Mendel zur Antisemitismus-Debatte:

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Sachliche Diskussion dringend notwendig

Mendel nimmt nun auch an einer Konferenz an der Frankfurter Uni für angewandte Wissenschaften zum Thema teil, die er selbst mitorganisiert hat. Sie trägt den Titel „Beyond – Towards a future practice of rememberance“ und findet am 22. und 23. September 2022 statt.

Dabei kommen Wissenschaftler*innen aus aller Welt zusammen um sich auszutauschen, wie eine neue Art von Erinnerungskultur und des Gedenkens von Holocaust und anderen Verbrechen gelingen kann.

„Gerade in der Wissenschaft wissen wir, dass der Vergleich von Genoziden helfen kann, sie zu verstehen und in einen Kontext zu setzen. Und der Holocaust ist der Genozid, der für Deutschland relevant ist. Und dafür bedarf es endlich einer sachlichen Diskussion, die ohne Polemisierung auskommt. Zu dieser Konferenz kommen, anders bei der documenta, Menschen die einander zuhören wollen und die Aussagen der anderen nicht polemisieren“, so Mendel.

Gespräch Direktor des Lenbachhauses: Antisemitismus nicht nur ein Problem der documenta

„Die documenta 15 zeigt auf, dass Antisemitismus und Rassismus zu den wichtigsten Themen in unserer Gesellschaft gehören“, sagt der Direktor des Lenbachhauses, Matthias Mühling. „Insofern ist es interessant, dass wir das jetzt so ausgiebig diskutieren, wo wir doch grundsätzlich Antisemitismus in unserer Gesellschaft haben und nicht nur auf der documenta", stellt der Kunstexperte fest. Das Lenbachhaus präsentiert anlässlich der documenta fifteen 2022 die Ausstellung „Was von 100 Tagen übrig blieb... Die documenta und das Lenbachhaus". Ein Parcours bedeutender Arbeiten aus allen documenta-Ausstellungen von der ersten Ausgabe 1955 bis zur 14. im Jahr 2017 dokumentiert, welche Arbeiten „von 100 Tagen“ in einer musealen Sammlung sichtbar geblieben sind.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Gespräch Politologin Saaba Nur-Chema zur documenta: Andere Bezüge von Antisemitismus im globalen Süden

Zwar habe der Antisemitismus seine Ursprünge in Europa, sagt die Politologin Saaba Nur-Chema in SWR2. „Aber es ist klar, dass wir es im globalen Süden mit neuen Assimiliationsformen von Antisemitismus zu tun haben, wo tatsächlich mit alten Bildern gearbeitet wird“, sagt Nur-Chema mit Blick auf das Banner des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi bei der Kasseler Kunstmesse documenta.
Man müsse jedoch sehen, dass die Beziehung dieser Gesellschaften zum Staat Israel eine andere sei. Indonesien greife als frühere Kolonie auf andere Erfahrungen zurück. Saaba Nur-Chema arbeitet an der Frankfurter Universität an einem Projekt zu Antisemitismus im Bereich der Erziehung im Vor- und Grundschulalter.
Bei einer Podiumsdiskussion auf der Kasseler documenta hatten über Antisemitismus in der Kunst unter anderem Meron Mendel vom Anne Frank Haus und der Kurator der letzten Documenta, Adam Szymczyk, gesprochen.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Gespräch Skandal auf der documenta – „Antisemitismus ist nicht kontextabhängig“

Es sei enttäuschend, dass die documenta die antisemitischen Darstellungen als kulturspezifische Interpretation bezeichnet, sagt die Kulturwissenschaftlerin Andrea Geier von der Universität Trier. Vielmehr müsse man jetzt fragen, wieso antisemitische Bildtraditionen auftauchen konnten. Dass das Banner mehrmals so habe ausgestellt werden können, verweise auf eine erschreckende Ignoranz im globalen Kunstraum.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Gespräch Wie sieht es mit der Freiheit der Kunst aus? Der Historiker Moshe Zuckermann über sein neues Buch

Wie es mit der Freiheit der Kunst aussieht, das wird seit dem documenta-Skandal heftig diskutiert. Das Buch zum Thema hat der israelisch-deutsche Soziologe und emeritierte Professor für Geschichte und Philosophie an der Universität Tel Aviv Moshe Zuckermann geschrieben.  mehr...

SWR2 am Samstagnachmittag SWR2

Kulturmedienschau Documenta-Desaster geht weiter | 24.6.2022

Das Documenta-Desaster in Kassel beschäftigt weiter die Feuilletons und damit die SWR2-Kulturmedienschau. Die SZ prüft die strafrechtliche Relevanz der dort gezeigten antisemitischen Kunstwerke und kommt in einem Fall zu einem Schuldspruch. Problematisch nur: Wer trägt bei Künstler- und Kulturpolitikerkollektiven die Verantwortung?  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

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Philine Sauvageot