Gespräch

Die Dämonisierung der Abtreibung: 50 Jahre nach „Wir haben abgetrieben“ im „stern“

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50 Jahre nach dem ersten öffentlichen Bekenntnis von 374 Frauen, die im Nachrichtenmagazin „stern“ erklärten, abgetrieben zu haben, gebe es in Deutschland unverändert große Vorurteile gegenüber dem Schwangerschaftsabbruch, sagt die Autorin und Filmemacherin Sarah Diehl in SWR2. Diehl ist unter anderem Autorin des Buches „Die Uhr, die nicht tickt“ über kinderlose Frauen.

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Frau ausschließlich als Mutter betrachten?

Es gebe in Deutschland sogar unverändert das Bestreben, Frauen vor Informationen über Abtreibung „schützen“ zu wollen. Eine „verrückte Idee“, meint Sarah Diehl: „Ich glaube, das hat sehr viel damit zu tun, dass wir an dem Frauenbild festhalten wollen, wonach die Frau selbstlos für andere da ist, den Mutterinstinkt erfüllt, sich immer um andere kümmern will, um ihre Kinder.“

Geburt und Mutterschaft würden idealisiert, ist die Autorin überzeugt, die Abtreibung werde dämonisiert. Dabei seien die meisten Frauen, die Abtreibungen vornehmen ließen, bereits Mutter — wüssten also sehr genau, was sie tun, und träfen ihre Entscheidung nach gründlicher Erwägung ihrer Lebenssituation.

Neutrale Informationen sind nur schwer zugänglich

Selbsterklärte Lebensschützer hätten es demgegenüber leichter, da sie vielen komplexen Fragen aus dem Weg gehen könnten, meint Diehl. Wer Abtreibungen vornehme, müsse angesichts der Beschränkungen geradezu ein feministisches Selbstverständnis mitbringen.

Während in Deutschland ein „Werbeverbot“ für Abtreibungen gelte und Frauen infolgedessen viel schneller an Fehlinformationen gerieten, sei es in Frankreich zum Beispiel verboten, falsche Informationen über Abtreibungen zu verbreiten, so Diehl.

Der Fall Kristina Hänel: „Werbung“ für Abtreibungen?

In den Medien regelmäßig präsent ist das Thema Schwangerschaftsabbruch in Deutschland vor allem durch den Paragrafen 219a StGB, der das Verbot der „Werbung für den Abbruch der Schwangerschaft“ regelt.

Militante Lebensschützer*innen nutzen es häufig, um Ärzte und Ärztinnen anzuzeigen, die auf ihren Webseiten und im Internet zum Thema Schwangerschaftsabbruch informieren und erklären, dass sie solche Eingriffe auch in ihren Praxen durchführen.

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Davon betroffen ist unter anderem die Gießener Frauenärztin Kristina Hänel, gegen die seit 2009 mehrere Ermittlungsverfahren liefen. Ihre Verurteilung 2017 nutzte Hänel, um bundesweit auf dieses Problem aufmerksam zu machen.

Nach Protesten und Mobilisierungen — online unter dem Hashtag #wegmit219a, kam es im März 2019 zu einer Änderung des Gesetzes, wenn auch nur mit geringfügigen Änderungen. Daraufhin wurde Hänels Fall im Dezember 2019 erneut vor dem Landgericht Gießen verhandelt, ihr Urteil fiel diesmal weniger streng aus — blieb in der Sache jedoch bestehen. Auch die vorsitzende Richterin des Falles übte in ihrer Begründung Kritik an der Gesetzeslage.

Im Februar 2021 hat Kristina Hänel, ebenso wie die Berliner Frauenärztin Bettina Gabler, in Karlsruhe Verfassungsbeschwerde gegen ihre Verurteilung und gegen den §219a StGB eingelegt.

Es ist soweit. @haenel_kh hat Verfassungsbeschwerde beim Bundesverfassungsgericht eingereicht. Hier ihre Presseerklärung: "Ich habe Verfassungsbeschwerde gegen meine Verurteilung und gegen den §219a StGB beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe eingereicht. ...

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